
Schwerter zu Pflugscharen
Neue Fantasy mit Jasper Nicolaisen
24.01.2008, 13:07, Text:
Jasper Nicolaisen
Science-Fiction ließ sich sowohl vor Liebhabern als auch vor Ahnungslosen immer schon als gesellschaftskritisches Genre verkaufen. Utopische Literatur halt. Was vielleicht gerade deshalb so bereitwillig akzeptiert wurde, weil die Kritik damit Sache der Zukunft war. Fantasy hingegen gilt Schulmeistern und kritischen Hipstern gleichermaßen als kulturindustrieller Schund, weshalb man sie schon aus Bockigkeit lieben muss. Aber warum nicht auch mal der Elfen-und-Drachen-Brigade, den Zauberern und Schwertern kritisches Bewusstsein und emanzipatorisches Potenzial unterstellen? Schließlich geht's in den fantastischen Welten auch immer auf zum letzten Gefecht.
Als Argumentationskrücke schlage ich vor, die neuere Fantasy als ernsthafte Überprüfung der Entstehungsbedingungen unserer Gegenwart zu deuten. Sie als waschechte Archäologie der Macht zu begreifen, die uns die Augen dafür öffnet, dass es auch ganz anders hätte kommen können und sollen. Statt Märchenmittelalter knallt uns da eine Frühmoderne mit Dampfkraft, dreckigen Slums und der ganzen Kapitalismuskacke in die Fresse. Die da oben haben mal wieder die Magie.
Gleich beim ersten Beispiel, \\\\"Greatwinter. Seelen in der großen Maschine\\\\" (Klett-Cotta, 629 S., EUR 19,90) von Sean McMullen, müssen wir als alte Dialektikfüchse dem Einwand begegnen, dass die Geschichte offensichtlich in der Zukunft nach der Apokalypse spielt. Doch wir verweisen darauf, dass diese Zukunft fatal an die Vergangenheit erinnert: Ein riesiger Computer, dessen Schaltkreise wie in einer Manufaktur aus versklavten Menschen zusammengesetzt sind, wird von einer Herrscherkaste aus Wissenshütern dazu eingesetzt, die Gesellschaft auf dem Weg aus dem neuen Mittelalter Schritt für Schritt zu disziplinieren und zu unterwerfen. Die neuen Eisenbahnen werden mit Muskelkraft betrieben, und zusätzlich zum Fahrpreis muss man mitstrampeln. Typisch.
Noch schlagender beweist \\\\"Aether\\\\" (Klett-Cotta, 509 S., EUR 24,50) von Ian R. McLeod unsere schöne Ausgangsthese. Hier sind wir vollends in einem frühindustriellen England angekommen, wie es sich Dickens nicht schrecklicher hätte ausmalen können. Nur dass nicht der Kohleabbau das Land verwüstet, sondern die Äthergewinnung. Magie als natürliche und endliche Ressource befeuert hier Kapitalismus und schließlich Klassenkampf, von dem man erfreulicherweise auch erfährt, wie man ihn nicht führt.
R. Scott Bakkers \\\\"Krieg der Propheten\\\\"-Reihe (2 Bände, Nr. 3 in Vorbereitung, Klett-Cotta, je EUR 24,50) bringt uns etwas ins Schleudern. Dem Autor geht es gar nicht um Modernisierung, sondern um die Verquickung von Politik, Religion, Krieg und Magie vor einem eher antik-persischen Hintergrund. Aber auch da fällt uns ein wohlfeiler Zeitbezug sicher nicht schwer, zumal Bakkers Schilderung politischer Intrige jeden Thriller schlägt. Und hey - Archäologie der Macht, Zweistromland, Religionskrieg, da haben wir's ja!
Formal am ungewöhnlichsten und insofern astreines Rechtfertigungsmaterial ist sicherlich \\\\"Stadt der Heiligen und Verrückten\\\\" (Klett-Cotta, 460 S., EUR 25) von Jeff VanderMeer. Eine wahnwitzige, an Borges erinnernde Textcollage. Durch Reiseberichte, wissenschaftliche Abhandlungen, historische Traktate und Bibliothekskataloge entsteht die Stadt Ambra. VanderMeer erzählt nicht nur von Imperialismus und Versklavung. Sein Buch macht sinnfällig, wie Eroberung an Wissensproduktion und -vermittlung gekoppelt ist.
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