Rajaa Alsanea

Die Girls von Riad

[Pendo Verlag, 332 S., EUR 19,90]

30.11.2007, 18:32, Text: Kerstin Cornils

Die reichen Mädchen aus Riad gleichen den Girlies in Hamburg: Sie lassen sich von Burger King Pommes mitbringen, schwärmen für \\"Sex And The City\\" und schwadronieren mit ihren Freundinnen über Beziehungskisten. Im Reich der \\"großen Literatur\\" haben Girlies, ob nun in Riad oder Hamburg, nicht viel zu melden: Während in Deutschland der Wert der 1999 ausgegebenen \\"Fräuleinwunder\\"-Aktie sinkt, ist das öffentliche Zur-Schau-Stellen eines weiblichen Bewusstseins im wahhabitischen Saudi-Arabien seit jeher verpönt.


Im Mittelpunkt der \\"Girls von Riad\\" von Rajaa Alsanea steht eine anonyme Erzählerin, die jede Woche nach dem Freitagsgebet eine E-Mail an die saudische User-Gemeinschaft verfasst, um in der virtuellen Öffentlichkeit die Schicksale ihrer Freundinnen auszubreiten. Eine an den Blog angelehnte Erzählform, die mit Gedichten und Motti durchwirkt ist, ermöglicht einen fiktiven Dialog zwischen der Erzählerin und den Usern, welche auf die Liebesabenteuer der vier Girls teils empört, teils mit Begeisterung reagieren. Lamis, Sadim, Kamra und Michelle sind, wie alle Girlies dieser Welt, frech, quirlig und lebenslustig - doch nie so emanzenhaft, dass sie sich die Hoffnung auf einen Traumprinzen versagen.

Der Vergleich mit der westlichen \\"chick lit\\" darf nicht überstrapaziert werden. Ein Blog aus dem Schanzenviertel hat einen anderen kulturellen Resonanzraum als ein arabischer: Während einem westlichen Internet-Liebestagebuch meist wenig Subversives anhaftet, eröffnen PC und Handy im saudischen Kontext vordem verschlossene Kommunikationsspielräume zwischen den Geschlechtern. Eine Frau, die in Riad öffentlich von der romantischen Liebe schwärmt, rebelliert insofern gegen die Logik der Clans, als sie sich gegen die arrangierte Vernunftehe stellt. Damit schlägt das Backfischhafte ins Politische um. Folgerichtig ist in den \\"Girls von Riad\\" neben französischer Importschokolade offen von \\"zivilisatorischen Konflikten\\" sowie von männlichen \\"Feiglingen\\" die Rede, die \\"wie Schachfiguren von ihren Familien geführt werden\\". Die sogenannte seriöse Literaturkritik hat sich, weil sie den ästhetischen Wert eines Textes von der Brisanz seiner Funktion abzukoppeln gewohnt ist, bisher kaum um den aufregenden Bestseller gekümmert. Dabei ist es gerade die ästhetische Ungeschliffenheit der E-Mails eines \\"zwanzigjährigen, verrückten Mädchens\\", welche in den Brüchen des Textes umso klarer die Reflexion kultureller Differenzen hervortreten lässt.



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aus Intro #156 (Dezember 2007 / Januar 2008)
 
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