
Hamid Skif
Geografie der Angst
[Edition Nautilus, 158 S., EUR 16]
22.10.2007, 18:04, Text:
Lars Brinkmann
Ein paar Quadratmeter irgendwo in Europa. In einer Stadt ohne Namen, in einem Land ohne Mitleid. Es könnte sich um die berühmten \\"40 Quadratmeter Deutschland\\" handeln, aber ebenso um ein viel kleineres Kämmerlein in der Schweiz oder in einem französischen Plattenbau. Für Letzteres spricht ein kleiner Hinweis im Tagebuch des Ich-Erzählers: \\"Die Gesetze, wonach Durchsuchungen vor dem Morgengrauen verboten waren, sind aufgehoben. Sie putzen mit dem Kärcher.\\" Das erinnert an den inzwischen vom Innenminister zum Präsidenten Frankreichs emporgekommenen Nicolas Sarkozy, der kurz vor den Vorstadtunruhen im Herbst 2005 die Bemerkung \\"Nettoyer au Kärcher\\" fallen ließ. Er wollte die Banlieues mit dem Hochdruckreiniger ausmisten.
Im ersten Entwurf bildete laut Autor Hamid Skif die Schweiz den Hintergrund für seine \\"Geografie der Angst\\". Erst später entschloss er sich, der Geschichte einen universellen Rahmen zu geben. Auch wenn klar wird, dass es unseren Erzähler genauso wie Skif von Algerien ins verfettete Herz Europas verschlagen hat, nimmt er beliebige Identitäten an: \\"Die Nachnamen, die ich mir gebe, sind abhängig vom Arbeitgeber. Ich bin Türke, Araber, Berber, Iraner, Kurde, Zigeuner, Kubaner, Bosnier, Albaner, Rumäne, Tschetschene, Mexikaner, Brasilianer oder Chilene, je nach Bedarf. Ich bin der Bewohner der Orte meiner Metamorphosen.\\" Den Großteil seiner Zeit liegt der Namenlose wie totes Gemüse in einem kleinen Zimmer, von dessen Mauern die Erinnerungen \\"schwitzend abblättern\\". Zumeist wartet er, vergeblich, und immer nur auf den einen: seinen Gönner, den Studenten, der ihm eigennützig einen Unterschlupf verschafft hat. Ein Gutmensch, nicht frei vom Bösen. Draußen ist es feindlich. Kafka lauert zwischen den Zeilen des Tagebuchs.
Hamid Skif lebt nach verschärften Zensurmaßnahmen und einem Mordanschlag in seiner Heimat seit 1997 in Hamburg. Die Handlung versteht er nicht in erster Linie als politisch. In einem Interview mit der taz bezeichnet er \\"Geografie der Angst\\" als eine Geschichte über die Angst, über die Liebe und über die Beziehungen der Menschen untereinander. Vor allem sei das zweifach prämierte Buch aber \\"ein Aufruf, Fragen zu stellen\\". Nur allzu gern möchte man glauben, dass es uns noch möglich ist, an der Wahlurne wenigstens eine von vielen Antworten zu geben.
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