Gay Talese

Du sollst begehren. Auf den Spuren der sexuellen Revolution

[Rogner & Bernhard, 672 S., EUR 29,90]

22.10.2007, 18:07, Text: Tim Jürgens

Wieso diese Sehnsucht der Generation, die Sex nicht mehr als Mythos begreifen muss, sondern als ständig und überall verfügbare Bereicherung des Lebens? Woher die Lust auf Geschichten aus der Zeit, als verklemmte Moralvorstellungen die Praxis zwar erschwerten, den Gedanken aber Flügel wuchsen? Die Veröffentlichung von T.C. Boyles \"Dr. Sex\", die Hollywood-Filme über das Leben von Alfred Kinsey und Hustler-Gründer Larry Flint sowie die Doku \"Inside Deep Throat\" haben schon bewiesen, wie groß das Interesse an der Ära vor der sexuellen Revolution ist. 27 Jahre nach der Veröffentlichung in den USA erscheint nun Gay Taleses Monografie über die Befreiung aus puritanischen Keuschheitsvorstellungen auch bei uns.


Aids, Privatfernsehen, San Fernando Valley, Internet - alles Phänomene, die Taleses Bericht noch nicht kennt. Der heute 75-jährige Journalist beschreibt die Entwicklung in der US-Gesellschaft von den religiös verbrämten Dogmen der Jahrhundertwende hin zur freien Liebe auf Grundlage des kalifornischen Lebensstils. Die Pro- und Antagonisten der Freiheitsbewegung stellt er wie literarische Personen dar. Besonders angetan hat es ihm Hugh Hefner. Den Playboy-Gründer begleitet er mehrere Jahre. Haarklein seziert Talese, wie clever der Casanova aus Chicago sein Unternehmen nach dem Vorbild des Aufklärungsheftchens \"Modern Man\" anlegt.

Mit jedem Kapitel fügt Talese seinem Gesellschaftsporträt des 20. Jahrhunderts einen neuen Mosaikstein hinzu. Selbst unbekannte Pioniere aus Nudisten-Zirkeln, Striplokalen und Massagesalons finden ihren Platz. Der Leser erlebt Schriftsteller Harold Robbins als Jungspund beim Masturbieren und den radikalen Richter Anthony Comstock dabei, wie er um das Jahr 1900 keine Finte auslässt, um Verstöße gegen die Sittengesetze zur Anklage zu bringen. Taleses Kunstgriff, non-fiktionale Charaktere wie Romanfiguren zu schildern, lässt spielerisch gesellschaftliche Zusammenhänge erkennen. Wie ein filmisches Doku-Drama erschließen sich historische Entwicklungen, ohne dass das Erzähltempo nachließe. Dafür nimmt Talese Vereinfachungen - etwa die recht schlichte Schwarz-Weiß-Unterscheidung zwischen Sittenwächtern und Freidenkern - gern in Kauf. Am Ende schlägt man den Buchrücken mit der befriedigenden Erkenntnis zu: Nichts war damals besser, nur die Fantasie hatte mehr Platz.



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aus Intro #155 (November 2007)
 
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