Paul Auster

Reisen im Skriptorium

[Rowohlt, 174 S., EUR 16,90]

22.10.2007, 18:08, Text: Sebastian Ingenhoff

Ein alter Mann sitzt alleine in einem kärglich eingerichteten, von außen verschlossenen Zimmer, dem einzigen Handlungsort dieses Romans, und kann sich an nichts mehr erinnern. Die Hauptfigur von Paul Austers \\"Reisen im Skriptorium\\" trägt den vielsagenden Namen Mr. Blank. Der eingesperrte Amnesiepatient muss wie ein leeres Blatt Papier mit Inhalt gefüllt werden. Mr. Blank lässt sich recht schnell als das Alter Ego des Autors begreifen. Der New Yorker zitiert, wie in der postmodernen Literatur allgemein üblich, sehr viel, gerne auch mal sich selbst. Lieb gewonnene Charaktere werden im Zweifelsfall recycelt und tauchen in späteren Werken wieder auf.


Dieses Prinzip wird in \\"Reisen im Skriptorium\\" überspitzt. Mr. Blank erfährt eine Heimsuchung durch nahezu alle relevanten Figuren aus Austers früheren Geschichten. Da ist Benjamin Sachs, der Dissident, der sich in \\"Leviathan\\" eigentlich schon in die Luft gejagt hatte. Anna Blume, das derangierte Wesen aus \\"Im Land der letzten Dinge\\", verschafft dem Alten in der Badewanne manuell Erleichterung. Noch unzählige andere finden entweder physisch oder über Anekdoten ihren Weg in die kleine Schreibstube. Jeder von ihnen hat scheinbar eine Rechnung mit dem alten Herrn offen. Die Frage, warum Mr. Blank eingesperrt wurde, löst sich allmählich auf. Der Gute findet schließlich das Manuskript eines gewissen John Trause - natürlich ein Anagramm -, eine Art Westerngeschichte, die in einem Land namens \\"Konföderation\\" spielt und als Parabel auf die Kolonialisierung Amerikas funktioniert. Die berühmte Auster'sche Binnengeschichte. Leider ist diese nur ein Fragment und muss in schriftstellerischer Eigenleistung von Mr. Blank vollendet werden. Womit auch dieser endlich eine Aufgabe hat und wieder zu dem Schriftsteller werden kann, der er früher einmal war.

\\"Reisen im Skriptorium\\" ist ein amüsantes Vexierspiel, aber sicherlich nicht der größte Wurf. Auster liefert Reflexionen über sein Schreiben ab und verkauft diese als neuen Roman. Das Ausschweifende, Weitläufige, Amerikanische seiner früheren Erzählungen vermisst man hingegen. Zu sehr bleibt die Geschichte im engen Skriptorium verhaftet, zu wenig wird im Endeffekt gereist.



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aus Intro #155 (November 2007)
 
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