Reinhard Kleist

The Secrets Of Coney Island

[Edition 52, 80 S., EUR 12]

22.10.2007, 18:09, Text: Matthias Schneider

Der Vergnügungspark Coney Island gehört zu den mythenreichsten Plätzen der USA. Um 1900 entwickelte sich die Manhattan vorgelagerte Halbinsel zu einer Bühne des täglichen Spektakels, wo gesellschaftliche Grenzen vorübergehend aufgehoben wurden. Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Arme und Reiche amüsierten sich gemeinsam am Strand, auf Achterbahnen oder in Bars. Sie erfreuten sich an den merkwürdigen Programmen der Sideshows und Vaudeville-Theater.


Coney Island war eine Manege der Künstlichkeit und der Extreme. Erstmals wurden mit Hilfe von Elektrizität Naturgesetze ausgehebelt und bauliche Experimente vollführt. Rem Koolhaas vertritt im Buch \\"Delirious New York\\" sogar die These, Coney Island sei das Laboratorium für Manhattans Architektur und habe einen maßgeblichen Einfluss auf die moderne amerikanische Massenkultur ausgeübt. Eine solche Ausstrahlungskraft lockte auch allerlei Prominenz und glamouröse Stars an die Küste. Zugleich fühlte sich die Halbwelt ganz wie zu Hause. Vielen Freaks aus den Sideshows bot Coney Island eine ständige Zuflucht, die zahlenden Besucher wiederum staunten über eine so traumhaft schöne wie groteske Gegenwelt. \\"A Different World - A Dream World\\" wollten die Betreiber des Luna Parks dem Publikum bieten. \\"A Nightmare World - Where All Is Bizarre And Fantastic\\" bekamen sie dazu.

Da die Glanzzeit seit einem Brand in den 1930er-Jahren vorbei ist, bleiben die Mythen umso lebendiger. Der Comic-Zeichner Bob Kane fand dort die Inspiration für seine Serie \\"Batman\\", Tod Browning engagierte die Darsteller für seinen berühmten Film \\"Freaks\\" an passender Stelle - und am Strand drehte Alan Parker Szenen von \\"Angel Heart\\". Der Berliner Comic-Autor Reinhard Kleist hat sich nun von den maroden Kulissen inspirieren lassen, in denen die aufregende Vergangenheit zugleich abwesend wie anwesend erscheint. Ihm gelingt es, diese eigenwillige Stimmung in drei Kurzgeschichten über \\"The Secrets Of Coney Island\\" einzufangen - mit einem schrägen Figurenensemble aus abgehalfterten Magiern, Schwertschluckern und Kleinwüchsigen. Kleist führt sie nicht vor wie der Besitzer einer Sideshow. Stattdessen zeichnet er das Dasein der Freaks aufmerksam nach, ähnlich wie einst David Lynch mit dem \\"Elephant Man\\". Und auch wenn der Park nach neuesten Meldungen demnächst abgerissen wird, der Mythos wird weiterleben.



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aus Intro #155 (November 2007)
 
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