
Simon Reynolds
New-Wave-Bibel: Auf Lesereise
14.01.2008, 09:41, Text:
Christian Meyer
Punk war kein Neuanfang, sondern das letzte Aufbäumen des Alten. Postpunk war nicht dessen Fortführung mit anderen Mitteln, sondern die Überwindung des Rock'n'Roll, den Punk nur - in einer radikalisierten Form - fortgeführt hat. Punk hat weniger musikalisch, sondern vielmehr medial die Explosion der New Wave ermöglicht. So in etwa lauten die Hauptthesen, die Simon Reynolds in 'Rip It Up And Start Again - Postpunk 1978-1984' aufstellt.
Literatur zu Postpunk ist nicht neu: Bereits 1987 wurde Judith Ammanns Interviewsammlung 'Who's Been Sleeping In My Brain' ins Deutsche übersetzt. Ammann hatte zwischen 1982 und 1986 zahlreiche Interviews mit den Protagonisten der New Wave geführt und sie in einer Collagetechnik verschmolzen, die erst Legs McNeil und Gillian McCain für 'Please Kill Me', ihre Geschichte des US-Punk, übernommen haben und später auch Jürgen Teipel in 'Verschwende deine Jugend'. Allerdings war dem Buch von Ammann die frustrierte Stimmung der ersten Hälfte der 80er-Jahre deutlich eingeschrieben.
Mit mehr Abstand und kritischer Liebe hat sich Simon Reynolds 20 Jahre später erneut an das Thema gewagt und quasi eine direkte Fortsetzung von 'Please Kill Me', vor allem aber von John Savages 'Englands Dreaming' geliefert. Weder Savage noch Reynolds haben Oral History als Form gewählt. Schon Savages Punk-Abhandlung konnte daher vor allem durch seine scharfsinnigen Beobachtungen, Einordnungen und Interpretationen - popkultureller wie gesamtgesellschaftlicher Art - glänzen.
Reynolds' 'Rip It Up And Start Again' geht so ziemlich jedem Zweig der aus der Implosion des Punk entstandenen vielschichtigen Kunst nach. Der Autor zeigt, wo Neues wirklich neu war, wann wo welche ideologischen Grabenkämpfe stattgefunden haben und um wie viel spannender manchmal ein gezielter Rückgriff sein konnte als reine Fortschritts-Ideologie. Seine Darstellung reicht von den Vorbildern über allerlei Verästelungen bis hin zum albernen Ausklang im Chartspop der 80er-Jahre.
Reynolds hat sogar ein Kapitel über New Wave jenseits des angloamerikanischen Raums angehängt - den meisten Platz nimmt die Szene in Deutschland ein. \\"Einiges spricht dafür, dass Deutschland die Postpunknation zwei war, noch vor Amerika\\", schreibt er, was natürlich Quatsch ist und auch dem US-Anteil des Buches massiv widerspricht. Das ist aber einer der wenigen dummen Sätze dieses spannenden und sehr schlauen Buches.
Simon Reynolds
Rip It Up And Start Again - Schmeiß alles hin und fang neu an: Postpunk 1978-1984
Hannibal, 576 S., EUR 29,90
Ab Donnerstag, den 17.01. ist Simon Reynolds auf Lesereise in Deutschland. Im Wechsel mit seiner deutschen Übersetzerin Conny Lösch und mit filmisch umd musikalischer Untermalung liest er aus 'Rip It Up And Start Again'. Und zwar in folgenden Städten:
17.01. Marburg, Café Trauma
18.01. Stuttgart/Schorndorf, Manufaktur
19.01. Freiburg, Café Swamp
20.01. Frankfurt/M., Mousonturm
21.01. Köln, Gebäude 9
22.01. Hamburg, Uebel & Gefährlich
23.01. Berlin, Festsaal Kreuzberg
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