Buchkolumne

Donnernde Servietten und andere Aliens

13.09.2007, 12:03, Text: Mick Schulz

Wenn man Science-Fiction produziert, gerät man in Schwierigkeiten. Verkürzt: Wie soll man etwas benennen, das sich der Wahrnehmung so radikal entzieht wie ein Alien? Freilich lässt sich das Dilemma umgehen, indem außerirdische Wesen als modifizierte Menschen - mit nur einigen oberflächlichen Unterschieden zum Vorbild - dargestellt werden. Eine Methode, die im Genre Konjunktur hat, ob in \\\\\"Star Trek\\\\\", \\\\\"Perry Rhodan\\\\\" oder den Büchern des Fantasy-Veteranen Philip José Farmer. Das Alien verkörpert jeweils eine Metapher für menschliches Verhalten.

Natürlich birgt dieses Verfahren Reize und Chancen, etwas über die Welt, in der wir leben, auszusagen. Aber die Herausforderung, wahrhaft Fremdes künstlerisch darzustellen, wird auf diese Art nicht angenommen. Sicherlich kann man Namen frei erfinden. Das haben zum Beispiel Lovecraft oder Tolkien vorgemacht. Diese Lösung hat aber den Nachteil, dass die Fantasienamen und -bezeichnungen nichts über das benannte Objekt aussagen. Was sich hinter den erfundenen Begriffen verbirgt, bleibt letztendlich unbestimmt, weil keine Spur aus unserem Erlebnisraum dorthin führt.


Interessant wird es genau dort, wo diese Spur aufscheint, etwa in Maurice Renards \\\\\"Die blaue Gefahr\\\\\" (Suhrkamp, 330 S., vergriffen). Der 1875 geborene Pionier der fantastischen Literatur folgt der Fährte weit in die Aporie hinein. Wie lässt sich etwas sprachlich darstellen, das nicht begriffen und somit auch nicht gesagt werden kann? Renard dokumentiert in seinem Roman, in dem Aliens Menschen aufgreifen, um an ihnen Experimente durchzuführen, den ersten Kontakt zwischen der Erdbevölkerung und den Fremden. So kann er quasi live dabei sein, wie das bis dato Unbekannte in die menschliche Sprache integriert wird. Sofort kommt es zu Missverständnissen. Die Entführungen sind zunächst rätselhaft. Die ungebildete französische Landbevölkerung nennt die Fremden ihrem Dialekt und ihrer abergläubischen Furcht angemessen \\\\\"Sarvanten\\\\\". Das Wort bezeichnet in der savoyischen Mundart eine Sorte Geister, die ursprünglich im Wald beheimatet sind und sich mitunter für Respektlosigkeiten seitens der Menschen rächen. Eigentlich eine unpassende Bezeichnung für die Außerirdischen, die an niedrigen Luftdruck gewöhnt sind, nur in 50 Kilometer Höhe leben können und überhaupt erst entdecken müssen, dass Menschen lebendig sind. Trotzdem bleibt der Name haften, wie so viele krumme Bezeichnungen, die durch Benutzung abgeschliffen werden.

Die Gebrüder Strugatzki machen sich diese Ungenauigkeit der Sprache in \\\\\"Picknick am Wegesrand\\\\\" (Suhrkamp, 214 S., EUR 8,50) virtuos zunutze, indem sie \\\\\"Nullen\\\\\" beschreiben. Als solche werden hier Kupferscheiben bezeichnet, die in einem gewissen Abstand zueinander bleiben, ohne dass klar würde, a) wie dieser Abstand gehalten wird und b) welchen Sinn das Ganze hat. Diese Metonymie, also rhetorische Form der Umbenennung, Null zu sagen und den Zwischenraum zu meinen, leuchtet sofort ein. Es handelt sich um einen vertrauten Vorgang. Und so akzeptiert man im Laufe der Handlung u. a. \\\\\"Geprickel\\\\\", \\\\\"schwarze Spritzer\\\\\", \\\\\"donnernde Servietten\\\\\" oder die \\\\\"goldene Kugel\\\\\" als Phänomene, die teils gar nicht näher beschrieben werden. Das System der Benennung ist intuitiv klar, die Leser werden in die Geschichte hineingezogen, indem sie der Metonymie in die entgegengesetzte Richtung folgen. Weder erfundene Namen noch metaphorische Bezeichnungen können mit Bedeutung gefüllt werden, ohne dass man in der Lage ist, sich das Bezeichnete vorzustellen. Mittels Metonymie hingegen kann der Erzähler eine nachvollziehbare Spur ins Ungewisse legen.



Artikel kommentieren
aus Intro #154 (Oktober 2007)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
Anzeige