Literatur in Norwegen

Zurück in die Unsicherheit

11.09.2007, 13:38, Text: Dana Bönisch
[2 Kommentare]

Männer schreiben über sich selbst: Auf diese einfache Formel lassen sich große Teile der Literaturgeschichte zurückführen. In der norwegischen Gegenwartsliteratur ist das nicht anders. Ausgerechnet zwei Autoren, die über die Grenzen des Landes hinweg bekannt sind, Erlend Loe und Mathias Faldbakken, vertreten dabei komplett unterschiedliche Tendenzen: Naivismus trifft auf Ultra-Zynismus.

\\\\"Ich habe noch eine Liste gemacht. Darüber, was mich als Kind immer begeistert hat: Wasser, Autos, Telefone, Tiere, die größer waren als ich, Fische, Spiegel, Laken mit harter Webkante, schwören und hinter dem Rücken zurücknehmen, Fahrstuhlfahren, Tiere, die kleiner waren als ich, laute Geräusche, der Weltraum, total rote Sachen [...]. Wenn ich nicht gerade schlief, rannte ich herum und war begeistert.\\\\"
Die Manie des Listenmachens plus Kindheitserinnerungen und Loser-Ich - das klingt nach neon.de-Blog. Der norwegische Autor Erlend Loe hat aber schon 1998 vorgemacht, wie man möglichst begeistert Richtung Lego regrediert, ohne dabei die stets unnahbare Mädchenwelt aus den Augen zu verlieren.


In \\\\"Naiv.Super\\\\", so der treffende Originaltitel (deutsch: \\\\"Die Tage müssen anders werden, die Nächte auch\\\\"), besinnt sich der Quarterlifecrisis-gebeutelte Protagonist auf die ersten, die einfachen Dinge des Lebens: Bälle gegen Wände werfen. Fahrradfahren. Grundlos Nägel in Bretter hämmern. Sein Gründeln in Vergangenheit erinnert in den besten Momenten an die selbstironische Melancholie eines Holden Caulfield, in den schlechtesten an Prosa gewordene Zauberwürfelnostalgie.

\\\\"New naivism\\\\" nennt das Frank Lande, ein jüngerer Autor aus Oslo. \\\\"It sucks\\\\", fügt er hinzu. Allerdings müsse er zugeben, dass auch er zu einer gewissen Zeit Loe gelesen habe: \\\\"Der Mann hat mehr oder weniger meine ganze Generation geprägt. Viel schlimmer als er sind auch eigentlich die nachfolgenden Autoren, die aus dem Naivismus-Ding eine richtiggehende Welle gemacht haben. Das setzte sich fort bis in die Mode: Plötzlich trugen alle bunte Pullover und redeten darüber, wie ihre Omas ihnen als Kinder immer dieses und jenes gesagt, gebacken oder gestrickt hatten.\\\\" Nur geht zu viel Harmonie selten gut.

\\\\"Wir müssen zurück in die Unsicherheit\\\\", forderte dann auch Mathias Faldbakken, der missratene Sohn von Norwegens Vorzeigeschriftsteller Knut Faldbakken. Faldbakken juniors erster Roman, eine Ode an die Pornoindustrie (\\\\"The Cocka Hola Company\\\\"), lieferte genau die richtige Dosis an schlauer Randale. \\\\"Die Menschenverachtungsbibel aus Norwegen\\\\", schrieb die FAZ - dabei hatte sich der kleine Misanthrop noch nicht mal die Klamotten für seinen eigentlichen Amoklauf rausgelegt.

\\\\"Es gibt kein böses Buch\\\\", stellt der Protagonist in \\\\"Macht und Rebel\\\\", Faldbakkens neuestem Roman, fest. \\\\"Manche wollen unterwandern, stimmt, aber wer unterwandern will, hat in irgendeinem Sinn auch eine positive Intention.\\\\" Und da tritt der Rebel in Aktion: \\\\"Es war Winter, und das Bücherfeuer war schön warm. Die Türken wimmelten herbei wie die Motten.\\\\" Ein Bildungsroman in rückwärts - verschont von der Bücherverbrennung bleibt ausgerechnet \\\\"Mein Kampf\\\\", das Rebel, ehedem diffus links orientiert, zu allerlei Pamphleten inspiriert. \\\\"Macht und Rebel\\\\" könnte auch anders heißen: \\\\"Kleines Kompendium der kontrollierten Provokation\\\\" zum Beispiel. Detaillierte Schilderungen verschiedenartigen Stuhlgangs, Sex mit Kindern, Nazi-Intellektuelle - Faldbakken ist bei dem Versuch, ein \\\\"böses Buch\\\\" zu schreiben, ziemlich weit gekommen. Doch sein Held hat immer noch recht: Letztlich geht es nicht um den Rekord an Tabubrüchen, sondern um das Freilegen der Mechanismen, nach denen sie funktionieren - und den Markt, der sie am Ende doch absorbiert. Genauso wie alles andere. Macht, der zweite Protagonist aus dem Titel, verkauft als \\\\"Contemporary Counter Culture Commercial Pick Upper\\\\" Ideen der Subkultur an große Konzerne. Auf seinen linken Arm hat er \\\\"World War I\\\\" tätowiert, auf seinen rechten \\\\"World War II\\\\", auf sein linkes Bein \\\\"South Tower\\\\", auf sein rechtes \\\\"North Tower\\\\", quer über den Rücken \\\\"The Internet\\\\".

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aus Intro #154 (Oktober 2007)
 
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  • User: lushnub
  • lushnub 29.09.2007 | 00:11:22
    cheerie poopin' deadies
    zumindest, was den loe angeht (wenn man von seiner affinität nach alanis absieht) kann man guten gewissens aus jeder lebenskrise ein mehr oder minder lesenswertes buch zaubern, sein erstlingswerk bereitete einen ja subtil auf das vor, was kommt, wenn man die gerade in mode gekommene quarterlife-crisis (viertellebens-krise, wenn man davon ausgeht, 100 werden zu können) erreicht.

    das letzte, was er hervorgebracht hat, erinnert an das aussteigerleben, was sich menschen wünschen, die kurz nach dem abwenden der torschlusspanik schnell eine infantile ader aus sich heraus gebähren, um nicht zuende geträumte gedanken wiederzubeleben.

    der andere ging an loe vorbei, aber das lässt sich ändern. jedenfalls lohnt sich der eine in teilen und sicherlich auch komplett, wenn man dort angekommen ist, wo er beruhigenderweise schonmal den pfad für dich ausgetrampelt hat.

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