documenta 12

Töpferkurs und Häkeldecke

16.08.2007, 13:31, Text: Martin Büsser
[2 Kommentare]

Die Absage des als Sensation angekündigten Starkochs Ferran Adrià, Wasserschäden in den Aue-Pavillons und ein brachliegendes Reisfeld - die documenta 12 ist vor allem wegen ihrer Pannen in die Schlagzeilen geraten. Solche Meldungen wiederum erfreuen die \"gesunde Volksseele\", der im Zusammenhang mit zeitgenössischer Kunst nichts weiter als \"Steuergelder\" in den Sinn kommen. Allein diese Häme wäre ein Grund, das Kuratorenteam Roger Buergel und Ruth Noack in Schutz zu nehmen - wären nicht das Konzept und die Auswahl der Exponate dieser documenta die eigentliche, mit nichts zu rechtfertigende Panne. Schlagwörter wie \"Migration der Form\", \"Korrespondenzen\" und \"ästhetische Querverbindungen\" entpuppen sich schnell als esoterisches Blendwerk, das vom Betrachter nicht Analyse, sondern reines Einfühlen und ehrfurchtsvolles Staunen verlangen möchte. Dementsprechend sind auf dieser documenta kaum Installationen zu sehen. Dafür wird wieder gehäkelt, gestrickt, gestickt, beherzt bunt gemalt und mit Ton modelliert. Die Keramiken von Maria Bartuszova, die Seidentücher von Hu Xiaoyuan und die sich in Seilen windenden Ausdruckstänzer in der Arbeit von Trisha Brown erinnern frappant an das Kunstverständnis von Waldorfschulen, anderes wiederum an Wandbehänge aus dem Eine-Welt-Laden oder an das Ergebnis eines Sparkassen-Malwettbewerbs.


Das Naive, Volkstümliche und Kunsthandwerkliche kann durchaus einen subversiven Gehalt haben, wie Martin Kippenberger einst unter Beweis stellte. Doch die hier gezeigten Tendenzen des Naiven lassen weder Bruch noch Ironie erkennen, sondern sind im handwerklich schlechten Sinne Gebasteltes und Geklebtes, das als schön wahrgenommen werden möchte. Dass viele solcher Arbeiten von Frauen aus sogenannten Dritte-Welt-Ländern stammen, macht sie nicht weniger angreifbar. Damit wird vielmehr ein ebenso essenzialistisches wie rückschrittliches Bild von weiblicher wie auch nicht-westlicher Kunst vermittelt. Frauen, kehrt an den Webstuhl zurück! Die feministische Arbeit \"Love Songs\" der US-amerikanischen Künstlerin Mary Kelley nimmt sich da fast wie ein Fremdkörper aus - es handelt sich um einen der wenigen Beiträge, denen man anmerkt, dass die seit den 1960er-Jahren geführten Diskurse in Kunst und Gesellschaft überhaupt angekommen sind. Gender, Medien, Pop, Subkultur, Urbanismus - all die Fragen, die im Mittelpunkt von Katherine Davids documenta X standen - sind 2007 zugunsten einer fast nur noch auf Sinnlichkeit und Autonomie der Form setzenden Ausstellung ausgeklammert worden. Wo Okuwi Enwzor auf Fragen der Globalisierung mit einer kritischen Kunst aus Afrika und Lateinamerika reagierte, sucht diese documenta die Antworten im Exotismus sowie dem Konstrukt von Volks- und Glaubensgemeinschaften.

Identität und Authentizität bilden das reaktionäre Zwiegespann einer Kunstschau, die in der Politik von Israel und den USA das Hauptübel unserer Zeit ausgemacht hat. Der australische Künstler Juan Davila präsentiert die USA-Flagge mit Hakenkreuz, die palästinensische Fotografin Ahlam Shibli sprach gegenüber der Zeitschrift Monopol davon, dass Israel ein Land sei, dessen \"Legitimität sie anzweifelt\". Und dann ist noch die Giraffe namens Brownie, das Maskottchen dieser documenta, an Herzversagen gestorben nach dem Einmarsch israelischer Truppen im Westjordanland - ein putziges Tierchen als Mahnmal gegen israelischen Terror. So plakativ hat Kunst sich schon lange nicht mehr als Propaganda zu erkennen gegeben. Solche auf einfache Antworten zielenden Arbeiten korrespondieren mit dem nebulösen Geraune der Katalogtexte, die Banales mittels Heidegger-Slang aufzuwerten versuchen und neoromantischen Kitsch als \"Wiederverzauberung der Welt\" verkaufen. Tröstlich ist da nur, dass diese documenta keinen repräsentativen Querschnitt heutiger Kunst bietet, sondern lediglich eine individuelle Entgleisung.



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aus Intro #153 (September 2007)
 
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  • User: gedankenfilme
  • gedankenfilme 21.10.2007 | 01:40:04
    Bring me Edelweiss
    gut, da wird sich jetzt wieder an den pannen aufgehangen, die kochkünste hätt ich auch gern gesehen genau wie roger buergel durch die von regenwetter und sturm geflutete orangerie-wiese watend mit hochgekrempelten hosen zum umgestürzten template von ai wei wei, ok.

    nichts destro trotz hat diese documenta auch wieder hervorragende und bleibende eindrücke hinterlassen. nichts vom betörend schönen mohnfeld mitten in der stadt lese ich, das alle spottenden stimmen hat verklingen lassen, die eine weitere panne sahen. wenn trisha browns 40 jahre alte performance andere kritiker und das publikum augenscheinlich anlockt und begeistert (siehe youtube) oder ai wei wei 1001 chinese als kunstprojekt ins nordhessische einfliegt, dann hat das schon seine relevanz und muss sicherlich nicht als strickarbeit abgetan werden. natürlich hatte die ausstellung insgesamt nicht die visionäre strahlkraft früherer documenta. dennoch ist es zu leicht, einfach auf den negativ-stimmen-zug mit aufzuspringen und das politische konzept und die pannen im vordergrund stehen zu lassen...

    plakativität vs. unverständliche interpretationsfetzen in katalogen, lieber beides...
    ein reisfeld, was nicht wächst, ein ai wei wei, der sein template nicht neuaufgebaut haben will und lachen kann vor diesem anblick (siehe meine usergalerie), das hat seinen reiz...

    nicht zuletzt beseelt das großartige flair die stadt alle 5 jahr sowie die diskussion um die werke, allein das als gewinn..

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