
Courtney Loves Tagebücher
Studien in Anti-Dämonisierung
16.08.2007, 16:23, Text:
Kerstin Grether
Subversion, wie sie im Buche steht: romantisch, rebellisch, von der Wirklichkeit erleuchtet. Anhand von Courtney Loves Notizen \\"Dirty Blonde\\" lässt sich nachvollziehen, warum aus der um originelle Aufklärung bemühten Künstlerin keine Pop-Heilige geworden ist.
In seinem Artikel über den Simpsons-Film hat Diedrich Diederichsen neulich überzeugend dargelegt, inwiefern die großen Werte der US-amerikanischen 1960er-Jahre - \\"umfassende Gesellschaftskritik\\" und \\"Emanzipation des Körpers\\" - heute meist zu \\"asozialem Hedonismus\\" und \\"leerem Moralismus\\" verkommen sind. Den Simpsons attestierte er eine bewundernswerte \\"skeptizistische Selbstreflexivität\\", die nicht zu verwechseln sei mit \\"Kritik\\" oder \\"Subversion\\". Von Letzterer findet man hingegen jede Menge in Courtney Loves Tagebüchern \\"Dirty Blonde\\", die u. a. noch mal belegen, wie bittersüß Mainstream-unfreundlich der öffentliche Auftritt dieser beiden anderen Gelben, Kurt und Courtney, wirklich war - zumal in der heißen Simpsons-Grunge-Change-Phase der 90er-Jahre. Was mit dem Selbstmord Kurt Cobains endete, konnte natürlich nicht die Emanzipation des Körpers sein, geschweige denn eine hoffnungsfrohe Gesellschaftskritik begleiten. Sonst wäre Courtney Love längst eine Pop-Heilige wie z. B. Patti Smith.
Nichtsdestotrotz: Courtney war asozial hedonistisch und, mit dem ganzen herzhaften Trotz der Hippie-Töchter, Heimkinder und weiblichen Genies ausgestattet, um originelle Aufklärung bemüht! Das dokumentiert z. B. der eigenwillige Gestus der Tagebücher, dieser poetisch-burroughseske, Songtext-vernarrte, romantisch-rebellische Stil ihrer Notizen. So wirklichkeitserleuchtet und vom eigenen Beispiel getrieben, dass man sofort den 98er-Hole-Hit \\"Celebrity Skin\\" versteht - Cobains Witwe bezeichnet sich darin sarkastisch als \\"wandelnde Studie in Dämonologie\\". Ihre Tagebücher - in der US-Ausgabe so bunt und special, dass es einer großen Leistung gleichkommt, wie gleichsam spannend die toll übersetzte deutschsprachige s/w-Ausgabe in eigenständiger und doch unverfälschter Anordnung zusammenkomponiert wurde - sind eine Studie in Anti-Dämonisierung: bezaubernd, nachdenklich, klug. Und das in originalhandschriftlichen Dokumenten, die bei aller Privatheit nicht zu intim wirken. Auch weil die Botschaften und Bilder eine sehr seltene Mischung aus Exhibitionismus und Künstlichkeit ausstrahlen, den Flair des Geworden-Seins im Zustand größter Verzweiflung: Bildchen von kaputten Puppen, genialische Songtextzettel, gut informierte Lieblingslisten, die beweisen, dass Courtney schon früh und in Eigenregie die Ästhetik von Hole kreierte. Darüber hinaus dekonstruiert und korrigiert sie stets ihr eigenes Image - lustig, dass dennoch immer alle besser zu wissen glauben, wer sie ist - und das ihrer Helden gleich mit. Sie sieht die größeren Zusammenhänge.
Kurt und Courtney konnten die Rolle der seltsamen Rebellen auch deshalb so perfekt spielen, weil sie andauernd unfreiwillig das Scheitern einer gerade nicht mehr vorhandenen US-Amerikanischen Mittelschicht inszenierten, in dem sie den Kindern der Wohlstandsära unablässig die Namen irgendwelcher angeblich nicht genug gewürdigten Außenseiter-Großcharaktere entgegenplauderten und musizierten: Frances Farmer, Johnny Rotten, Nancy Spungen usw. Bis Kurt und Courtney, die ja für sich die Schicksale ihrer Heroes ins positive umwandeln wollten, genauso ungewollt zum amerikanischen Alptraum wurden.
Die Drogen, den Exzess, ihre Bad-Girls-Rolle, die Schönheits-OPs und Oscar-Nominierungen, den sarkastischen Verstand - ja, selbst den Selbstmord des Ehemanns hätten sie der stets selbstreflexiven, dauertherapierbaren, humorbereiten Courtney vermutlich längst verziehen. Nur eins nicht: dass sie ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Erfolgs ihres suizidalen Ehemanns ein vergleichsweise ähnlich großartiges Album gemacht hat.
Kate Moss und Pete Doherty mögen noch so viele Hotelzimmer zerlegen, doofe Bilder von sich knipsen lassen und Rausch als letzte souveräne Rock'n'Roll-moralische Geste gegen und für das Zur-Marke-Werden aufführen: Courtney und Kurt hatten ihre eigene Bilderwelt, hungrig nach dem perfekten Rock-Song, der einzig und allein noch \\"Kritik und Wahrheit\\" verkraftete, in einer Phase, in der skeptizistische Selbstreflexivität das Höchste aller Familien-Fernsehseriengefühle war. Es würde jetzt darum gehen, aus der spleenig-klaren Wahrheit von Courtney oder Kurts Tagebüchern das Vitale neu zu schöpfen.
Courtney Love
Dirty Blonde. Die Tagebücher
Kiepenheuer & Witsch, 432 S., EUR 14,95
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