
Urbi Et Orbi
Zur Kunst des Plakatabrisses
31.08.2007, 10:00, Text:
Lars Brinkmann
Eine beliebige Straßenecke irgendwo in einer Metropole unserer Welt. Um dich herum ein Wald aus Plakaten, überall buhlen sie um Aufmerksamkeit. Vorsichtig geschätzt hat jeder Städter täglich ein paar tausend ungewollte Werbe-Kontakte; in den 90ern sprach man noch von 2.000 bis 5.000, inzwischen dürfte sich diese Zahl vervielfacht haben. Früher oder später stellt sich unweigerlich ein Gefühl von Ohnmacht ein. Und das ist genau der richtige Moment, zurückzuschlagen. Nein, nicht in die Werbung gehen, bloß nicht! Davon ist jedem Menschen nur abzuraten. Lieber an den alten, wahlweise von John Cage, Picassos Mätresse oder Attila dem Hunnenkönig geprägten Wahlspruch denken: You have to destroy to create.
Und wer sich weder von den Staatsmächten noch vom Leben für seine Kreation der Zerstörung bestrafen lassen möchte, lese vor dem Schritt zur Tat 'Urbi Et Orbi', denn diese Sammlung von Vernissagen-, Katalog- und Zeitschriftenbeiträgen, die der umtriebige Künstler Jacques Villeglé zwischen 1965 und 1996 geschrieben hat, legitimiert nicht nur, wie es der Klappentext so schön formuliert, \\"das Werk der Affichisten vor der Kunstgeschichte\\" (Affiche: frz. für Plakat).
Darüber hinaus zeigt das Buch mit dem Untertitel 'Zur Kunst des Plakatabrisses' sowohl Streetart-Aktivisten als auch überzeugten Vandalen, wie man seinem Treiben einen zünftigen geistigen Überbau zimmert. Villeglé führt die Ende der 40er von ihm erfundene Form der Decollage auch gern mal auf eine 40.000 Jahre fortwährende Tradition zurück. An anderer Stelle zeigt er die Parallelen zur surrealistischen Technik der écriture automatique, die er als verwandte \\"spontane Methode des irrationalen Erkennens\\", als \\"Ankämpfen gegen den kontrollierten Ausdruck\\" versteht.
'Urbi Et Orbi' kann als exemplarisches Lehrbuch gelesen werden, aber auch als Kampfbibel oder als ein Stück äußerst gelehrte Kunstgeschichte. Es ist eine Freude, dem 1926 geborenen Villeglé bei seinen hemmungslos ausufernden Re- und Dekontextualisierungen zu folgen. Wer sein Wissen über die Kunst des Plakatabrisses vertiefen möchte und praktische Beispiele braucht, hat noch bis zum 27. Januar 2008 im Hannoveraner Museum Kestner Pro Arte die Gelegenheit, eine umfangreiche Werkschau mit über vierzig Arbeiten von Villeglé zu sehen. Die Stadt, egal welche, wird danach nie mehr dasselbe sein.
Jacques Villeglé
Urbi Et Orbi - Zur Kunst des Plakatabrisses
Edition Nautilus, 256 S., EUR 24
Ausstellung
07. Juli 2007 bis 27. Januar 2008
Hannover, Museum Kestner Pro Arte
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