Kerstin Grether / Jörg Heiser

Es nennt sich leider Popdiskurs

27.07.2007, 11:00, Text: Wolfgang Frömberg, Foto: Arne Sattler

Die Schriftstellerin und Intro-Autorin Kerstin Grether veröffentlichte kürzlich die Artikel- und Essaysammlung \\\\"Zungenkuss. Du nennst es Kosmetik, ich nenn es Rock'n'Roll\\\\". Jörg Heiser ist inzwischen Redakteur der Kunstzeitschrift frieze und versucht mit dem Buch \\\\"Plötzlich diese Übersicht\\\\" zu erklären, was \\\\"gute zeitgenössische Kunst ausmacht\\\\". Wolfgang Frömberg sprach mit beiden in Berlin - an einem lichtgeschützten Ort gegenüber von Kerstins Stammkneipe 8 mm - über Spex, Slapstick, Saalschlachten und gelebtes Leben.
Kerstin schreibt im Vorwort der Compilation \\\\"Zungenkuss\\\\", dass ihr in den 90er-Jahren zu einer Clique gehört habt, die in der damaligen Spex bestimmte Schreibweisen stark machen wollte. Was hat euch nun Anfang Juni zusammengeführt, eine gemeinsame Veranstaltung in Berlin zu machen?
K: Wir fanden es lustig und bezeichnend, dass wir beide im selben Monat unsere Bücher veröffentlicht haben, die jeweils von Kunst- bzw. Kulturkritik handeln. Und haben das zum Anlass genommen, über Schreibweisen, Kunst und Pop zu reden.
J: Abgesehen vom anekdotischen Zufall war da ein gemeinsames Interesse: Was heißt Kritik? Für wen schreibt man eigentlich? Kerstin hat sich vordergründig betrachtet aus dem philosophischen Theorie-Diskurs herausbewegt. Das trifft aber eigentlich nicht zu. Bei mir könnte man denken, ich hätte mit meiner Musiksozialisation abgeschlossen, weil ich nicht mehr über Musik publiziere. Stimmt auch nicht.


Eine eigene Ästhetik
K: Man kann ja eigentlich erst ein vernünftiges Buch über eine bestimmte Form von Kulturtheorie schreiben, wenn man seine eigene Ästhetik daraus abgeleitet hat - auch, um spezielle Bilder und Motive und Widersprüche aus der bisherigen Textarbeit stark zu machen. So Schlüsselworte, Reize, Sinnverschiebungen, Gewichtungen, die immer wieder auftauchen. Ich habe das dann auf die Begriffe \\\\"Kosmetik\\\\", \\\\"Rock'n'Roll\\\\" und \\\\"Musikgeschichten\\\\" gebracht. Ich dachte, \\\\"Zungenkuss\\\\" muss jetzt das tiefen-glückliche Buch zum düster-abgründigen Roman \\\\"Zuckerbabys\\\\" werden. In \\\\"Zuckerbabys\\\\" wird ja u. a. das Scheitern oder das absichtliche Falschverstehen von Popkultur beschrieben. Unerfreuliche Nebeneffekte, wie zum Beispiel Magersucht. \\\\"Zungenkuss\\\\" vermittelt, trotz all seiner Sarkasmen, eine extra-euphorische Praxis! Daher habe ich das Wort \\\\"Pop\\\\" im Titel auch vermieden. Was wir machen, nennt sich ja leider Popdiskurs. Das ist für viele ein Anlass, es von der Hochkultur abzugrenzen. Die klugen Leserinnen und Leser fühlen hoffentlich, dass es beides ist.
J: Wir haben auf verschiedenen Feldern etwas Ähnliches versucht, nämlich, uns Rechenschaft über unsere Kriterien abzulegen. In gewisser Weise haben wir auch Bilanz gezogen nach zehn, fünfzehn Jahren Schreiben. Ein durchgehendes Motiv von \\\\"Plötzlich diese Übersicht\\\\" sind Künstler, die angetreten sind, um einer Autorität, sei es ihre eigene, die Luft abzulassen. Das ist für mich immer wichtig gewesen.
K: Dazu passt dein Kapitel über Slapstick. Auch eine kleine Gemeinsamkeit: Ich habe mich bei meinen Lesungen selbst zum Stand-up-Comedian entwickelt.
J: Die Slapstick-Methode verrät etwas darüber, wie Autorität funktioniert. Gerade, wenn es um Kunst, Pop und Kritik geht: Es gibt ja diesen altbekannten Mechanismus, dass man entweder kulturpessimistisch oder auf eine polemische Art und Weise alles umarmend wird. Ich wollte von diesem Kasperletheater wegkommen - da ist der Kasper, und hier ist das Krokodil. So funktioniert das Feuilleton. Es werden zwei Pole produziert. Zu diesem Mechanismus kann man Position beziehen.
Durch den \\\\"Popdiskurs\\\\" werden verschiedene Herangehensweisen zusammengefasst. Der Begriff, wie er heute verwendet wird, ist ein Missverständnis?
K: Ja, genau. Die Spex-Zeit der mittleren 90er kriegt man oft verklärend nachgetragen. Das ist nett, aber es herrscht davon eine falsche Vorstellung. Ich war damals - in meinen zwei, drei Jahren als Kulturredakteurin - sehr jung und habe es als meine Aufgabe gesehen, den sogenannten Theorie-Import in der Zeitschrift stattfinden zu lassen. Die Redaktion wurde von etablierten Egomanen getragen, die für sich die Wahrheit, den Diskurs, die Theorie, die Musik und die Gegenbewegung gepachtet hatten. Sie haben behauptet, im Prinzip könne keiner, außer ihnen, den \\\\"großen Kulturartikel\\\\" schreiben. Das stelle sich mal einer vor: Jörg, Dietmar Dath, Sandra Grether, Barbara Kirchner und alle, die wir gut fanden - Leute wie Sascha Kösch, Mark Sikora oder Mercedes Bunz -, sollten den großen Kulturartikel nicht schreiben können! Das war der Streitpunkt. Ich fand das total lächerlich und anmaßend und auch den überradikalisierten Spex-Begriff von Avantgarde zum Kotzen.

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aus Intro #152 (August 2007)
 
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