Diedrich Diederichsen (Hg.)

Martin Kippenberger. Wie es wirklich war. Am Beispiel. Lyrik und Prosa

[Suhrkamp, 360 S., EUR 12,-]

16.07.2007, 06:00, Text: Christopher Strunz

Martin Kippenberger hat in den 80er-Jahren das Konzept von Pop Art, Pop in der bildenden Kunst, radikal transformiert. Er starb jung und plötzlich in den 90er-Jahren. Berühmt geworden sind seine Witze und sein Künstler-Lebensentwurf als Dissidenz und Differenz produzierende Haltung, die bis heute für unterschiedliche Künstler in unterschiedlichen Medien wie Malerei, Literatur, Musik von zentraler Bedeutung ist. Seine Arbeit gilt vielen als total kanonisiert, sein Name als Etikett für gehobenen Kölner Underground mit Punkgeschichte. Nicht von ungefähr gibt es tatsächlich in dem berühmten Hotel Chelsea, das dem berühmten Café Central auf der Lindenstraße angeschlossen ist, seit dem postmodernen Umbau eine \\"Martin Kippenberger Suite\\" (180 Euro pro Nacht).


In einem Text, der Martin Kippenberger behandelt, ist man geneigt, den Sound seiner Spaßvogelei nachzuahmen, da seine die diskursiven Gewohnheiten und Konventionen des Kunstbetriebs aggressiv unterlaufenden Jokes eine Haltung produzieren, mit der man jetzt in ebendiesem Betrieb auf der sicheren Seite ist und überall durchkommt. Zum Teufel mit Kippenbergers Kunst-Witzen! Man könnte vielleicht so tun, als ob man sie nicht verstünde. Das wär's: Ihren Spaß nicht verstehen, ohne ad hoc verbissen ernst zu werden.

\\"Wie es wirklich war\\", herausgegeben von seinem Freund Diedrich Diederichsen, stellt jetzt einen total anderen Martin Kippenberger her. Dieser andere Kippenberger fasst den Entschluss, Schriftsteller zu werden. Er produziert Lyrik und Prosa. Kippenberger wird Literatur. Diederichsen hat eine Collage seiner besten Texte zusammengestellt für all jene Rezipienten, die sich unbeirrbar offen und aggressiv für das Konzept Pop einnehmen lassen. Es sind Texte, die es in Galerie-Katalogen und anderen absurden eigenen Verlagen gegeben hat und noch gibt. Das Schöne an Diederichsens Collage ist nicht die damit drohende Verdoppelung der Kanonisierung von Martin Kippenberger im Umfeld der Suhrkamp'schen Intellektualität. Sondern dass er in einem Medium stattfindet - ein Buch voller Wörter, ohne illustrierende Bilder, außer dem attraktiven Autorenfoto mit zurückgekämmtem Haar -, das ein Fremdkörper in dem Betrieb ist, durch den Martin Kippenberger bis zum heutigen Tag als männliches europäisches künstlerisches Subjekt spukt.



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aus Intro #152 (August 2007)
 
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