Pierre Bourdieu, Jean-Claude Passeron

Die Erben. Studenten, Bildung und Kultur

[UVK, 176 S., EUR 22]

16.07.2007, 06:00, Text: Peter Scheiffele

Über die PISA-Studie wurde in Deutschland die Diskussion um den Zusammenhang von Bildungschancen und sozialer Herkunft neu entfacht. Eklatant im Vergleich zu den anderen OECD-Staaten sei der Einfluss des Familienstandes - als hätte es eine \\\"Demokratisierung\\\" des Bildungswesens in den 1960er-Jahren nie gegeben. Nur sechs von 100 Kindern aus Arbeiterfamilien beginnen ein Hochschulstudium, während 49 von 100 Hochschulaspiranten aus einkommensstarken Familien kommen. Nicht erst seitdem liefern sich Verfechter des humanistischen Bildungsideals und (neoliberale) Technokraten einen - wenn auch ungleichen - Schlagabtausch: Flankiert durch internationale Vereinbarungen (GATS) und rigorose Spar- und Standortpolitik haben die Technokraten längst die Homogenisierung des Hochschulraums mittels Bachelor- und Masterstudiengängen oder die flächendeckende Einführung von Studiengebühren vorangetrieben. Auf den ersten Blick erscheinen diese Maßnahmen als zunehmende \\\"Rationalisierung\\\", als Umwidmung der relativ \\\"freien\\\" universitären Bildung in berufsvorbereitende, rein funktionale Employability.


Mit \\\"Die Erben\\\" liegt nun eine erstmals vollständig ins Deutsche übersetzte Studie von Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron vor. Sie scheint überholt, da sie im französischen Bildungswesen der 1960er-Jahre ihr Augenmerk auf Mechanismen der Reproduktion von sozialer Ungleichheit in einem von bürgerlicher Kultur geprägten System legt. Was lässt sich von dieser empirischen Analyse heute noch lernen? Vor allem die Grundeinsicht, dass der Kampf gegen alle Ungleichheiten der Bildungschancen nicht über die Herausstellung von lediglich ökonomischen Unterschieden oder politischen Absichten zu führen ist, im Gegenteil: Vollzieht man ausschließlich diese bildungspolitisch-technokratische Linie, wird man stets die schon installierte formelle Chancengleichheit ideologisch weiter ausbauen, sie jedoch gleichsam als Einfallstor für die auf einer vorwiegend informellen Kultur beruhenden Selektion aufrechterhalten. So funktioniert die standesgemäße kulturelle Weitergabe klassenspezifischer, Körper gewordener Selbsttechnologien - jenseits von unmittelbaren monetären oder politischen Zwängen -, die wesentlich die Begünstigten in den eigenen Reihen hält.



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aus Intro #152 (August 2007)
 
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