Buchkolumne

Jelineks Netzkultur

18.06.2007, 06:00, Text: Jörg Sundermeier

Es ist nicht alles leicht. Und das, was es einem nicht leicht macht, ist dennoch nicht gleich kompliziert. Es ist auch nicht schwer. Auch das Nichtleichte kann leicht sein, erleichtern. Elfriede Jelinek verdanken die, die lesen wollen, seit 40 Jahren große Literatur. Und nun, in diesem vierzigsten Jahr, beschenkt Elfriede Jelinek alle - also auch die, die Geschenke nur schätzen können, wenn sie umsonst sind - mit einem Roman, der ausschließlich im Netz publiziert wird, \"Neid\" heißt er, \"Privatroman\". Zurzeit stehen zwei Kapitel im Netz und alle, die es interessiert, wie über Österreich, das Patriarchat, den Heimatwahn, den Kapitalismus, wie übers Schreiben geschrieben und übers Reden geredet werden kann, sollten sich den Text anschauen.
Dass dieser Text nicht in einem Buch publiziert werden wird, dass die Autorin es sich ausdrücklich vorbehält, diesen \"Privatroman\" zu bearbeiten, umzuarbeiten, aufzugeben oder sogar zu löschen, gibt seiner Verfasserin größtmögliche Freiheit, denn sie bleibt, bei aller Verbreitung, die gerade das Internet diesem Text garantiert, dessen alleinige Besitzerin. Sollte sie den Text löschen, so werden Ausdrucke herumgeistern, und spätestens nach ihrem Ableben wird der Text vermutlich doch in ein Buch hineingepresst, zu Lebzeiten der Autorin aber ist er der Musealisierung, die Texte gewöhnlich in Bibliotheken erfahren, entzogen. Er kann nicht in gewohnter Weise als Meisterwerk verehrt werden, weil ihm der Einband fehlt, der den Text hinstellbar, einsortierbar, für Angeber auch vorzeigbar macht.


Radikaler sind all jene, die heute hypertexten, nicht. Offensichtlich reagiert Elfriede Jelinek mit der Internetveröffentlichung und dem ausdrücklichen Verbot von Zitaten darauf, dass sie - nicht erst, seit sie den Nobelpreis erhalten hat - den Theater- wie den Literaturkritikern, vor allem aber jenen, deren Berufung sich mit dem Wort Feuilletonist am besten bezeichnen lässt, als eine Zielscheibe dient für Vorwürfe, die ein vergleichbar sich an Sprache und Sprecharbeit abarbeitender Mann - Thomas Bernhard - bei aller Unkenruferei nie hat erdulden müssen. Dass ausgerechnet sie den Nobelpreis erhielt, wurde von der Mehrheit jener Feuilletonisten negativ gewertet, die noch dem ekligsten Gehuste eines Grass oder des nicht minder ekligen Martin Walser etwas Mitteilenswertes ablauschen wollen (einzig Elke Heidenreich übrigens, die oft herabgesetzte, obschon sie nicht ahnungsloser ist als die Mehrheit ihrer Kollegen, nannte die Werke der beiden Letztgenannten erst kürzlich korrekt \"ekelhafte Altmännerliteratur aus der Hand der Großvätergeneration\").
Jelineks Texte brauchen Zeit, auch die vermeintlich leicht zu lesenden wie der frühe Roman \"Die Liebhaberinnen\" oder der sogar verfilmte \"Die Klavierspielerin\", in dem ganze Horden von Textinterpreten allerdings nichts anderes dargestellt wissen wollen als letztendlich das Verhältnis von Elfriede Jelinek zu ihrer Mutter. Dabei geht es doch gerade darum, wie wir wissen, dass die Autorin hinter dem Text verschwindet und dass Jelinek, die, als sie jung war, von Gisela Elsner unfreiwillig den Weg als Satirikerin geebnet bekam und sich an Peter O. Chotjewitz' Schnodderigkeit orientierte, etwas anderes macht, als ihre Autobiografie auszustellen. Suchte sie nur die Möglichkeit, einen Verwerflichen öffentlich zu attackieren, so reichte ein Aufsatz. Aufsätze publiziert sie auch auf ihrer Homepage. So etwa eine \"Randbemerkung eines weiblichen Setzerlehrlings\", in der sie den Wichtigtuer Grass, dessen Wichtigtuerei so groß ist, dass er auch Opfer schmähen muss, wunderbar kommentiert.



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aus Intro #151 (Juli 2007)
 
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