Christoph Menke, Juliane Rebentisch (Hg.)

Kunst-Fortschritt-Geschichte

[Kadmos, 254 S., EUR 22,50]

18.06.2007, 06:00, Text: Jan Pehrke

\\\"Ist die Moderne unsere Antike?\\\" fragt die diesjährige documenta. Die Zeiten, da Künstler sich noch als Avantgarde begriffen, das Kommende fest im Blick, scheinen in unendliche Ferne gerückt. Heutzutage ist den Künsten alles möglich - nur der Weg nach vorn steht nicht mehr offen. Aber vielleicht geht da wieder etwas, denn wer Antike sagt, der kann ja auch Renaissance sagen. In dem Buch \\\"Kunst-Fortschritt-Geschichte\\\" machen sich siebzehn AutorInnen auf die Suche nach der verlorenen Zukunft in unserer postmodernen \\\"ästhetischen Ereignisgesellschaft\\\". Sie durchforsten Sparten wie Film, Literatur, Theater, bildende Kunst sowie E- und U-Musik. Gerard Vilar will u. a. mit den einst nur schwer in Fortschrittsgeschichten integrierbaren Surrealisten weitermachen. Auch die britische Gegenwartskünstlerin Tracy Emin entspricht seiner bescheidenen Definition des Neuen: \\\"Die Kunst schreitet fort in der Erschließung von Welterschließungen, nicht in der direkten Erkenntnis der Welt oder bei richtigen Antworten auf moralische Zweifelsfragen.\\\" Hans-Thies Lehmann hält das post-dramatische Theater für zukunftsweisend, weil es das Reale nicht länger mit einem Spiel, das nur so tut als ob, einfangen will.


Juliane Rebentisch erblickt in dem, was Adorno die \\\"Verfransung der Künste\\\" nennt, in Installationen und anderen Sprüngen über Gattungsgrenzen eine Art Metafortschritt. Eva Geulen hält die Pop-Literatur irgendwie für neu, und Diedrich Diederichsen sieht in urheberfreien Netzkulturen Indizien dafür, \\\"dass Formen und Formate nicht fertig sind\\\". Die elektronische Musik strebt ihm zufolge gleichfalls ins Offene, gerade durch ihre auf Historisches verweisenden Loops, denn solche Operationen markieren immer auch den Abstand zwischen dem Gestern und dem Heute, schaffen eine veränderte Ausgangslage. Mehr Fortschritt ist für Diederichsen & Co. nicht drin. Aber die AutorInnen zeigen sich auch ganz zufrieden mit der Ausbeute auf ihren Spezialgebieten. Wohl nicht ganz zufällig scheint da der einzige Künstler unter den BeiträgerInnen, der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf, mehr Leidensdruck zu haben. \\\"Es geht in der Tat ums Ganze\\\" bei dem Versuch, die Autonomie der Kunst zu retten vor den Bestrebungen, sie \\\"zu monetarisieren und damit zum Anhängsel der kapitalistischen Ökonomie zu machen\\\", schreibt er voller Furor.



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aus Intro #151 (Juli 2007)
 
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