
Gisela Elsner
Heilig Blut
[Verbrecher Verlag, 256 S., EUR 14,-]
18.06.2007, 06:00, Text:
Dörte Miosga
Gisela Elsner ist seit Oskar Roehlers Hommage an seine Mutter, \\\\"Die Unberührbare\\\\", keine Unbekannte mehr. Wie der Film zeigt, stand die Autorin und Anhängerin des DDR-Sozialismus ihr Leben lang im Zwiespalt zwischen bürgerlicher Herkunft und Opposition gegen alles Bürgerliche. Ein Konflikt, der auch in ihren Büchern stets deutlich wird. Der Berliner Verbrecher Verlag legt seit 2002 ihre Werke neu auf, zuletzt erschien der Roman \\\\"Heilig Blut\\\\". Darin nehmen vier ältere Herren den Sohn eines kranken Kameraden mit auf die Jagdhütte in der Nähe des Ortes Heilig Blut irgendwo in Bayern. Die Beschreibung der Männer gerät nicht sehr liebevoll: \\\\"Sein alles andere als markantes, rosiges Gesicht war von einer zu üppigen Kost und einem nicht immer maßvollen Alkoholgenuss bereits so aufgeschwemmt, dass es über die Ränder zu quellen drohte.\\\\" Doch die konservativen Ansichten der Beschriebenen sind noch viel schlimmer als ihr klägliches Äußeres.
Die Protagonisten fahren einmal pro Jahr zur Jagd, um in Erinnerungen an die Nazi-Zeit zu schwelgen. Dann lassen sie ihrem Gedankengut freien Lauf. Als sie während einer Wanderung am Wegesrand auf ein Mädchen mit Downsyndrom stoßen, erklärt einer der Herren: \\\\"Missgeburten wie dich müsste man in aller Stille mit einer Spritze ins Jenseits befördern.\\\\" Auch die Frau des Knopffabrikanten am Ort weisen sie als frivoles Frauenzimmer zurecht, dessen biologische Minderwertigkeit sich darin zeige, dass es nur mit Fehlgeburten aufwarten könne. Elsners Kritik gilt gleichermaßen dem Nationalsozialismus wie dem Katholizismus in einem rechten Bayern und Nachkriegsdeutschland. Der Buchtitel referiert auf die katholische Eucharistie-Feier, in der Wein zu heiligem Blut und Brot zum Leib Christi werden. Voller Symbolik ist auch die Handlung: Jesus kam als Sohn Gottes, um von den Menschen gekreuzigt zu werden, und im Roman tritt der Sohn des Kameraden mit dem Urlaub seinen persönlichen Kreuzweg an. Doch Elsner nimmt hier sicherlich auch die Sprache und Rituale des Dritten Reiches auf - mit NS-Prägungen wie \\\\"Blutfahne\\\\", \\\\"Blutzeuge\\\\" oder der \\\\"Lehre von Blut und Rasse\\\\". Höchste Zeit, dass nicht nur \\\\"Die Unberührbare\\\\", sondern auch das Werk Elsners 15 Jahre nach ihrem Selbstmord die verdiente Anerkennung erhält.
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