Filmriss / Sechshundert- sechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer

Gemeinsam einsam

03.05.2007, 17:00, Text: Matthias Schneider

Unerwünschte Spuren der Nacht auf Lelas Hals: Beim Anblick des unübersehbaren Knutschflecks im Badezimmerspiegel wird ihr bewusst, dass sie wohl einen Filmriss hatte. Lela weiß weder, wer ihr das verräterische Mal verpasst hat, noch, wie sie nach Hause gekommen ist. Mit Hilfe ihrer Freundin kann sie immerhin den Auftakt des Abends rekonstruieren, außerdem ist klar, dass reichlich Alkohol geflossen ist. Doch was geschah dann? Lelas “Filmriss” ist nicht nur das Thema, sondern auch der Titel des Debüts der Schweizerin Kati Rickenbach. Mit viel Humor und einem hinreißend schwungvollen Strich erzählt sie den chaotischen Verlauf eines Partyabends, an dem die Sehnsüchte verschiedener Jugendlicher miteinander kollidieren. Die Episodenerzählung entwirft einen Reigen, der an Arthur Schnitzlers gleichnamiges Buch erinnert. Auch bei Rickenbach dreht sich das Beziehungskarussell, weil ein jeder befürchtet, den Partner des Lebens zu verpassen. Ob in festen Händen oder solo – gemeinsam einsam geben sich die Protagonisten dem Rausch der Nacht hin.


Doch wie einsam fühlt es sich eigentlich an, wenn man mit sich allein ist? Und wie verhält man sich, wenn die schlummernden Facetten der eigenen Persönlichkeit plötzlich an die Oberfläche treten? Wie soll man reagieren, wenn der Pessimist, Misanthrop und Sadist, deren Existenz man schon lange erahnt hat, in Reinform und als eigenes Abbild an die Tür klopfen und sagen: “Hey, wir sind ein Teil von dir, lass uns rein und zusammen eine Party feiern”? Dieses Szenario beschreiben die “Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer”. Durch die Selbstdarstellung als multiple Persönlichkeit lässt der französische Comic-Veteran Killoffer unterdrückten Wünschen und Trieben freien Lauf. Die Duplikate machen sich als ungebetene Gäste in seiner Wohnung breit: Sie rauchen, saufen und raufen. Angewidert von den perversen Machos und sexgeilen Proleten, greift der Autor allerdings zu drastischen Mitteln, um sie wieder loszuwerden. Killoffers orgiastische Bilderflut passt gut zum irren Hintergrund seiner “Erscheinungen”, die nicht spurlos verschwinden werden.

Kati Rickenbach
Filmriss
Edition Moderne, 80 S., EUR 14,80

&

Killoffer
Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer
Reprodukt, 48 S., EUR 12



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aus Intro #150 (Juni 2007)
 
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