
Buch-Kolumne
Chasing the Underdog
21.05.2007, 06:00, Text:
Mick Schulz
Als literarisches Motiv ist der Underdog vor allem deshalb interessant, weil er als Ausgeschlossener eine spannende Perspektive auf die Gesellschaft zulässt. Und wie sich die Gesellschaft wandelt, so wandelt sich auch der Underdog.
Hans Erich Nossack (1901-1977) ist durch seine Schilderung der Zerstörung Hamburgs bekannt geworden. In “Spirale. Roman einer schlaflosen Nacht” (Suhrkamp, 293 S., vergriffen) von 1956 lässt er Underdogs auftreten, die man sich heute kaum noch vorstellen kann: schweigende Dulder, gefangen im Wirtschaftswunder und der Prüderie der 50er-Jahre. Ihre Unscheinbarkeit und der Versuch, sich durch scheinbare Anpassung unantastbar zu machen, lassen tief in das Herz einer scheinheiligen Gesellschaft blicken. Unangepasstheit wird höchstens in Form innerer Emigration geduldet. Zu offener Rebellion und affirmativem Nicht-Dazugehören fehlt Nossacks Underdogs nicht etwa die Leidenschaft, sondern das Rollenangebot. Wenn man diesen traurigen Figuren durch die “Spirale” folgt, fragt man sich, wo das Aufbegehren bleibt. Warum stellen sie sich nicht quer? Zugleich lehnen diese frühen Underdogs die bürgerliche Gesellschaft am konsequentesten ab. Vielleicht, weil sie noch so nah dran sind.
Knapp dreißig Jahre später gibt es bereits genug Rollenmodelle. Jörg Fauser geizt in seinem Noir-Krimi “Das Schlangenmaul” (Alexander Verlag, 315 S., EUR 19,90) nicht mit Klischees. So wird die Handlung vom Klassiker aller Probleme losgetreten: Der Protagonist Harder hat Geldsorgen, bei ihm klingelt der Steuerfahnder. Was “Schlangenmaul” dann aber über den Wust ähnlicher Bücher erhebt, ist der Zeitgeist der 80er in Deutschland, der aus jeder Zeile atmet: die klaren Feindbilder, die korrupte Politik, die Esoterik. Dazu die untergründige Provinzialität, die selbst angesichts der dunklen Machenschaften zu beobachten ist. Es fällt auf, dass Harder trotz seiner Schmierigkeit mehr Moral besitzt als alle gesellschaftlich integrierten Figuren zusammen. Er hält sich an seine selbst gemachten Grundsätze – und ist der Underdog par excellence. Bei Fauser herrscht Klarheit: Die Gesellschaft befindet sich im Unrecht, der Underdog hat Recht.
Etwas mehr als 20 Jahre später heißt Rocko Schamonis Underdog Sonntag. Sein Leben besteht aus “Sternstunden der Bedeutungslosigkeit” (DuMont, 260 S., EUR 14,90), so der Romantitel. Sonntag umgibt sich mit Monumenten der Stagnation, vertreibt sich die Zeit, indem er den Mann beobachtet, der vorm Supermarkt wartet, bis er in die Pennergruppe assimiliert ist. Schamonis Roman spielt außerhalb der Zeit, verdeutlicht durch Anspielungen auf “DSDS” oder den Titanic-Redakteur, der 1988 bei “Wetten, dass ...” an Buntstiften leckte. Sein Held lebt zwar in einer Popwelt, aber die hat keine Geschichte mehr: “Ich war ausgezogen, um die Welt zu erobern, aber die Welt war bereits erobert – diese Wahrheit muss ich für mich behalten.” Letztendlich erobert ihn diese Welt, aus Sonntag wird Montag, er gibt seiner Sehnsucht nach Zugehörigkeit nach. Sonntag fehlt das Rückgrat, die Pose des Underdogs mit Leben zu füllen, aber woher soll er das Rückgrat auch nehmen, wenn er in einer geschichtslosen Welt lebt, die von Monumenten des Verharrens bevölkert wird? Ist in einer Welt der Popkultur überhaupt Platz für den Underdog? Kann man das Jetzt zelebrieren und zugleich die Gesellschaft ablehnen? Während diese Frage für Nossacks Figuren keine Rolle spielt, gelingt Sonntag das Kunststück nicht. Harder dagegen schon, weil der seine Grundsätze klar formuliert. Sonntag jedoch will am Ende nur geliebt werden.
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