Hamburger Hochbahn

Ulf Erdmann Ziegler

[Wallstein Verlag, 329 S., EUR 19,90]

23.04.2007, 06:00, Text: Kerstin Cornils

Ein Maler in einem Roman von Daniel Kehlmann stößt auf das Ei des Kolumbus: “Die Wirklichkeit ändert sich bei jedem Blick.” Niemand muss lange über diesen Satz nachdenken. Der professionelle Hochstapler besitzt die Gabe, seinen Lesern Weisheiten nur dann zu verabreichen, wenn sie bereits komplett erkaltet sind.
Das Gegenstück zum denkfaulen Künstlerroman hat der 1959 geborene Ulf Erdmann Ziegler vorgelegt. Sein Debüt “Hamburger Hochbahn” quillt über vor Architekten-Utopien und dem Pragmatismus der Stadtplaner. Die Wiedervereinigung wird an den Beispielen Hamburgs und Leipzigs diskutiert, die Stimmung nach dem 11. September angenehm schräg aus dem Blickwinkel der US-amerikanischen Peripherie beleuchtet. Erst auf den zweiten Blick zieht Zieglers Held Thomas, der aus einem Lüneburger Stadtteil mit bemalten Ostereiern in Ginsterbüschen stammt, Lesersympathien auf sich. Schließlich ist er kein harmloser Taugenichts, sondern satt und arriviert, ein Gegner der Fußgängerzone, geborgen von der hanseatischen “Annahme einer andauernden Prosperität”.


Ziegler hat das Leben in den modernen Städten aus dem Geist der Architektur beleuchtet. Minutiös erkundet er die sozialen Baupläne urbaner Räume – unerbittlich durchpflügt von Macht und Ohnmacht, geformt “von einer unüberschaubaren Anzahl von Händen”. Für Hochstapler-Autoren sind die geheimen sozialen Topografien der Städte nicht sichtbar.




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aus Intro #149 (Mai 2007)
 
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