Kältere Schichten der Luft

Antje Rávic Strubel

[S. Fischer Verlag, 189 S., EUR 17,90]

23.04.2007, 06:00, Text: Kerstin Cornils

Bloß raus aus Halberstadt! Anja, die arbeitslose Bühnenbeleuchterin, hat keine Lust mehr auf Arbeitsagentur, Plattenbauten und “aufgegrellte Fassaden”. Sie kann die Leute nicht mehr hören, die hämisch behaupten, “mit dreißig seien die Weichen unwiderruflich gestellt”. Auch erträgt sie keine weiteren “Glatzmänner”, die durch ostdeutsche Landschaften trampeln, welche niemals zu blühen begonnen haben. Anja muss raus. Sie schließt sich einem Feriencamp an und reist ins flirrende Grenzland zwischen Norwegen und Schweden.


Im Camp erwarten sie Leute wie Svenja, Sabine, Marco und Ralle – Svenja, die es “humorlos” findet, wenn man sich gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr setzt; Sabine, die in der Wildnis über ihren “Saufschmerz” hinwegkommen muss, um die “innere Balance and all that” wiederzufinden; Marco, der sich vor Yuppie-Büros und “viel zu viel Westen fürchtet”; und Ralle, der Anja schikaniert, als er herausfindet, dass sie Frauen liebt. Gelassen entlarvt Antje Rávic Strubel die großspurigen Aussteiger als klägliche Spießer.
Die Liebe der 1974 in Potsdam geborenen Autorin gilt der Hauptfigur Anja, deren scharfer Verstand keine Selbsttäuschungen erlaubt. Anja ist in ihrem Unglück darüber, dass “das als eigen empfundene Leben” nur die Wiederholung einer “alten Geschichte” ist, weit kompromissloser als die anderen im Camp. Sie zweifelt immer und an allem: Noch bevor sie ihrer geheimnisvollen Geliebten Siri in ein Haus folgt, das “abseits von allem” steht, gesteht sie sich ein, dass zwei Frauen, die “alles neu machen wollen”, am Ende meist doch nur in einer kleinbürgerlichen Wohnung mit “orangefarbenen Wänden” landen. Nichts ist Anja genug – schon gar nicht, dass es auf der Welt nur “zwei Möglichkeiten” gibt, nämlich Mann oder Frau zu sein.
Auf Strubels Värmländer Seen in den “kälteren Schichten der Luft” liegt jene skandinavische Melancholie, die auch die Kinderbücher von Tove Jansson formt – eine Traurigkeit, die nicht als Effekt einer Biografie erscheint, sondern gleichsam wie ein Naturzustand aus Himbeeren und Schlüsselblumen aufsteigt. Strubels Text ist von Gedanken zernagt und bleibt doch sinnlich und sommerlich. Wie das gelingt? Indem die Autorin auf Kleist vertraut: Wer zu denken beginnt, büßt seine Grazie ein – doch wenn die Erkenntnis durch ein Unendliches gegangen ist, kehrt die Grazie wieder zurück.



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aus Intro #149 (Mai 2007)
 
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