
Pop seit 1964
Kerstin Gleba & Eckhard Schumacher (Hg.)
[Kiepenheuer & Witsch, 410 S., EUR 15]
23.04.2007, 06:00, Text:
Martin Büsser
Warum ausgerechnet jetzt eine Anthologie der deutschsprachigen Pop-Literatur veröffentlichen? Sammlungen wie “Pop seit 1964” sind immer der Gefahr ausgesetzt, als Epitaph rezipiert zu werden. Aufgeteilt in drei historische Blöcke, die durchaus Sinn machen – nämlich 1964 (der Beat-Boom), 1982 (der Punk- und frühe Spex-Block) und 1990 (die Pop-Renaissance mitsamt ihren Feuilleton-Debatten) –, behandeln die HerausgeberInnen deutschsprachige Popliteratur zwar als historisch schubartig auftretendes Phänomen, läuten damit allerdings nicht deren Ende ein, sondern wenden sich vor allem gegen jene Kritiker, die Popliteratur immer schon am liebsten tot gesehen hätten: “Aber nur im deutschsprachigen Literaturbetrieb hat Pop für die Unruhe gesorgt, die zum Ausgangspunkt dieser Anthologie wurde”, heißt es in der Einleitung. “Pop seit 1964” zieht daher noch einmal gegen eine sehr deutsche, auf die Unterscheidung zwischen “E” und “U” beharrende Kulturkritik ins Feld. Kritiker hätten der Popliteratur in den 1990ern immer wieder “Oberflächlichkeit, Inhaltslosigkeit, Konsumismus, Affirmation” vorgeworfen, heißt es in der Einleitung zum 1990er-Kapitel, und dem den “subversiven”, frühen Pop von Brinkmann und Fichte entgegengehalten. Bemerkenswert ist allerdings, dass jene heute wiederentdeckten und zum Teil wie unangreifbare Heilige gefeierten Ahnen der Popliteratur in den ausgehenden 1960ern derselben Kritik ausgesetzt waren. Wenn es eine Kontinuität gibt, dann in der ablehnenden Feuilleton-Rezeption, die Pop vielleicht noch als Musik tolerieren kann, nicht aber im Zusammenhang mit der ehrwürdigen Literatur.
Dabei sind sie alle längst kanonisiert, die Namen, die sich hier im 1964er-Block finden, darunter H.C. Artmann, Peter Handke, Elfriede Jelinek und Hubert Fichte. Ausgewählt wurden sie wie auch alle anderen Beiträge in diesem Band nach einen gemeinsamen Kriterium: “Es muss Pop genannt worden sein.” Von Prosa und Lyrik über Cut-up-Collagen, Pop-Kritik bis zu Essays finden sich hier u. a. Texte von Rainald Goetz, Diedrich Diederichsen, Clara Drechsler, Benjamin v. Stuckrad-Barre und Thomas Meinecke, die bei aller Heterogenität verdeutlichen, dass “Pop” stets ein bewusst unsauberes Verfahren gewesen ist, das sich dagegen sträubt, Gattungsgrenzen einzuhalten. Formal ist das bisweilen aufregender als inhaltlich, denn “pathetisches Pop-Revolutions-Gerede” nervt, wie Maxim Biller in seinem zum Klassiker gewordenen Text “Popismus” anmerkt, wenn es am Ende doch nur darum geht, im Kapitalismus nichts weiter als den besseren Geschmack beweisen zu können.
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen




