
Drag Kings
Genderfuck in Reinkultur
23.04.2007, 06:00, Text:
Sonja Eismann
Schon vor Jahren erreichte die Intro-Website der Appell eines Online-Community-Mitglieds, doch bitte die Profile nicht mehr starr in “Männlein” oder “Weiblein” einzuteilen. Denn wo sollten sich all jene verorten, die sich auf keiner Seite des binären Spektrums zu Hause fühlen? Mit Erfolg: Die Kategorie “Geschlecht” kann mittlerweile mit “f” oder “m” befüllt werden – oder eine Leerstelle bleiben.
Um diese Leerstelle – bzw. die Verweigerung einer eindeutigen Befüllung dieser Lücke – geht es auch im Buch “Drag Kings. Mit Bartkleber gegen das Patriarchat”. Dieser erste umfassende Überblick über die Drag-King-Szene im deutschen Sprachraum, mit einem Grußwort der Übermutter bzw. des Übervaters aller Drag-King-Workshops Diane Torr, ist dabei weit mehr als ein Cross-Dressing-Leitfaden für Frauen. Mit einer überbordenden Fülle an theoretischen Texten, Diskussionsrunden, Überblickstexten über regionale Szenen, Porträts einzelner Kings, Erfahrungsberichten und praktischen Anleitungen zu Praktiken wie Binding (Brüste abbinden), Packing (das Ausstopfen der Hose mit Fake-Genitalien) und Passing (das “Durchgehen” als Mann in der Öffentlichkeit) sowie augenzwinkernden Psychotests und sogar einer King-Foto-Lovestory geht es dem Reader in erster Linie um das Unterlaufen der zweigeschlechtlichen Zwangsordnung.
Denn wo der Camp-Faktor von als Frauen verkleideten Männern in Drag-Queen-Shows à la Mary & Gordy vom Mainstream längst wohlwollend als unbedrohlich abgenickt wurde, destabilisiert die von Judith Halberstam als “Kinging” titulierte Praxis die patriarchale Ordnung. Die gelungene Verkörperung der vermeintlich so authentischen Männlichkeit, die im Kontrast zum schon immer als Inszenierung verstandenen Entwurf von (übertriebener) Weiblichkeit steht, macht die Rollen von Männern als letztlich ebenso konstruiert und instabil kenntlich. Die Reiteration von Maskulinität ist dabei aber nicht die Königsdisziplin, sondern der “Genderfuck in Reinkultur”. Der kann sich z. B. auch in “Doppel-Drag” artikulieren: Drag Kings, die sich als Frauen verkleiden. Und das ist erst der Anfang.
Pia Thilmann, Tania Witte und Ben Rewald (Hg.)
Drag Kings. Mit Bartkleber gegen das Patriarchat
Querverlag, 218 S., EUR 19,90
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