Ingo Schulze

Handy

[Berlin Verlag, 280 S., EUR 19,90]

26.03.2007, 06:00, Text: arno raffeiner

Es ist immer schon zu spät. Die Figuren in Ingo Schulzes neuem Erzählband (und mit ihm seine LeserInnen) sind den Ereignissen stets hinterher. Sie bemühen sich nachträglich um die Rekonstruktion eines Vorfalls, der mit aller Macht oder auch ganz leise in ihr Leben eingebrochen ist, und suchen, oft genug vergeblich, nach Erklärungen, die ja doch nichts mehr verändern könnten. Als Gemeinsamkeit lässt sich ein Erzähler-Ich ausmachen, das viel mit dem Autor gemein hat, z. B. als Schriftsteller arbeitet, einen Erzählband namens “33 Augenblicke des Glücks” veröffentlicht hat und, auf Lesereisen unterwegs, immer wieder Unerwartetes erlebt, bevorzugt mit einer (ehemals) geliebten Frau. Fast alle Erzählungen in “Handy” sind Paarläufe, die von seltsamen, von außen kommenden Irritationen auseinandergerissen werden. Das autobiografische Element und die bemüht unliterarische, auf eine bestimmte Form von Authentizität zielende Sprache lassen des Öfteren den Eindruck entstehen, hier bloß nebenbei Notiertes zu lesen. Mit diesem Rahmen kann man sich anfreunden – oder eben nicht. Auf alle Fälle lässt sich als Fazit aus den dreizehn Erzählungen ein ebenso fatalistischer wie trauriger Befund ziehen: Glück ist nie selbst gemacht. Umso mehr gilt es, diese Augenblicke, diese fast noch überraschender als die Katastrophen aufblitzenden “Epiphanien”, zu genießen. Im nächsten Moment könnte schon das blöde Dudeln eines Klingeltons alles auf ewig vernichten.




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aus Intro #148 (April 2007)
 
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