
Roberto Bolaño
Chilenisches Nachtstück
26.03.2007, 06:00, Text:
Kerstin Cornils
Pater Urrutia liegt im Sterben. Sein Bett “strudelt in einem reißenden Fluss”. Nichts hat er sich vorzuwerfen: Für die “eisernen, schweigsamen Jahre” der chilenischen Diktatur ist nicht er verantwortlich. Er ist ein belesener Seelsorger, ein liberales Mitglied des Opus Dei – na und? Zum Marxismus-Unterricht für die Militärjunta haben sie ihn gezwungen. Und wie hätte er wissen können, dass im Haus einer literarischen Salondame Regimekritiker gefoltert wurden? Er hat bei María Canales nur Tee getrunken.
Vom September 1973 bis zum März 1990 war der Tod ein Meister aus Chile. Roberto Bolaño hat die Zeit der Diktatur im Exil verbracht – er steht auf der “richtigen” Seite. Doch der Autor interessiert sich nicht für die wohlfeile Dichotomie zwischen Gut und Böse. In seinem “Chilenischen Nachtstück” begibt er sich zurück in die Jahre der Ausgangssperre und schlüpft in die Köpfe der Daheimgebliebenen, die in Chile eine “neue Szene” kreieren wollten. Niemandem sollte auffallen, wie leer das Land geworden war. Bolaño schreibt verschachtelt und anspruchsvoll, doch am Ende “steigt die Wahrheit auf wie eine Leiche”. Über die Melancholie Santiagos ist nie etwas Finstereres geschrieben worden.
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