Elif Shafak

Der Bastard von Istanbul

[Eichborn, 458 S., EUR 22,90]

26.03.2007, 06:00, Text: Jutta Sommerbauer

Jede Geschichte hat einen Beginn, und dieser ist das Resultat früherer Geschichten. Der neue Roman der türkischen Autorin Elif Shafak beginnt damit, dass Zeliha, eine 19-jährige, mit allen Wassern gewaschene Istanbulerin, an einem Freitag im Juli einen Termin beim Gynäkologen hat. Der Grund: eine Abtreibung. Der Vater: unbekannt. “In Istanbul war ein vaterloses Kind nur ein weiterer Bastard und ein Bastard nur ein weiterer faulender Zahn im Kiefer der Stadt, der jederzeit ausfallen konnte.” Doch Zeliha treibt nicht ab, sie gebiert Asya, ein schwarzlockiges Mädchen, das seine Mutter später “Tante” nennen, Post-Punk hören und dabei philosophische Werke lesen wird. Zeitgleich dazu in Tucson, Arizona: Hier lebt Rose, eine geschiedene Vorzeigeamerikanerin, mit ihrer Tochter Armanoush, die sie selbst “Amy” nennt, um ihren armenischen Ex-Mann und dessen lästige Großfamilie zu vergessen. Rose lernt in einem Supermarkt den Türken Mustafa kennen, Zelihas Bruder. Zunächst ist es ein dreister Versuch, die armenischen Verwandten zu schockieren, später werden die beiden ein Paar. Während die Verwandten über die Rettung des “unschuldigen Lamms” sinnieren, wächst Armanoush zwischen den Stühlen auf. Bücher sind ihre Freunde, im armenischen Internetforum ist sie “Madame Meine-Seele-im-Exil”. Schließlich fährt Armanoush nach Istanbul, um das Haus ihrer Großmutter – und damit auch ihre eigene Geschichte – zu finden und kommt als Gast bei Mustafas Familie unter. Asya und Armanoush erkunden eine Stadt, für die das Kommen und Gehen ihrer Bewohner zur selbstverständlichen Routine geworden ist. Dies sei keine Stadt, erklärt ein Koch, sondern ein “Stadtschiff”: “Wir sind alle Passagiere, wir kommen und gehen in Gruppen, Juden gehen, Russen kommen, das Viertel, in dem mein Bruder wohnt, ist voller Moldawier ... Wenn die morgen gehen, kommen wieder andere.” “Für die Türken ist die Vergangenheit ein anderes Land”, befindet Armanoush. Während die Türken die osmanische Vergangenheit von der türkischen Republik abgespalten haben, ist sie für Armanoush allgegenwärtig. Sie spürt sie auf, stellt Asyas Familie und Freunde wegen des Völkermords an den Armeniern zur Rede. Und schließlich entdecken die Beteiligten, dass sie stärker miteinander verbunden sind, als sie es je gedacht hätten. “Der Bastard von Istanbul” ironisiert die Selbst- und Fremdsicht von Nationen und Gemeinschaften. Es ist ein kluges Buch über die Geschichte, erzählt in einer Vielzahl von Geschichten. Armanoush und Asya sind Teil einer vertrackten Welt, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben. Doch in der Verstrickung zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist es möglich, so legt Shafak nahe, sich einen Weg zu bahnen.




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aus Intro #148 (April 2007)
 
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