
Marisha Pessl
Die alltägliche Physik des Unglücks
[S. Fischer, 608 S., EUR 19,90]
26.03.2007, 06:00, Text:
Sonja Eismann
Alles an diesem Buch ist ein bisschen zu viel. Die knapp dreißigjährige New Yorkerin will die Welt in ihr Debüt quetschen und scheitert an diesem irritierenden Überfluss – mit Haltung jedoch. Für die manischen Zwischen-den-Zeilen-LeserInnen war dieser Kollaps schon antizipierbar, als Literatur-Superstar Jonathan Franzen in seinem omnipräsenten “Blurb” listig davon schrieb, unter dem “Schaum” dieses Textes verstecke sich ein starker Drink. Eine Schelmin, die “Schaum” da nicht als charmant überladene Substanzlosigkeit liest. Doch dass der Roman Pessls über 600 Seiten lang ist, dass die Autorin so jung ist und auf dem Foto des Umschlags als von innen leuchtende Fee in Szene gesetzt wird, ist erst mal nichts, was man dem Überraschungserfolg vorwerfen könnte oder möchte. Auch die Story ist fesselnd genug. Protagonistin Blue van Meer, einzige Tochter eines zynischen Politikwissenschaftlers, der nach dem Tod seiner Frau von einer amerikanischen Provinzuni zur nächsten vagabundiert, lernt auf der Highschool eine Gruppe hochnäsiger SchülerInnen kennen. Diese verbindet eine ungewöhnliche Freundschaft mit einer Lehrerin, die auf verdächtige Weise zu Tode kommt – woraufhin Blue sich als Privatdetektivin betätigt. Doch der Plot, der erst nach den ersten 200 Seiten in Fahrt kommt und ab Seite 500 so richtig spannend wird, will nicht nur Bildungs-, College-, Kriminal-, Verschwörungs- und Coming-of-Age-Roman sein, sondern flirtet mitunter auch noch mit dem Teenslasher-Movie – und zerfranst dabei. Die einzelnen Kapitel sind, angeblich in Anlehnung an einen College-Literaturkurs, nach Werken der Weltliteratur benannt, ohne jedoch nennenswerte intertextuelle Bezüge herzustellen. Warum also? Vielleicht, um eine Parallele zu den beinahe schon penetranten Literaturverweisen im Text – à la Seminararbeit – zu konstruieren, oder auch zu den naseweisen bis ausgetretenen Zitaten wie “Liebe überwindet alles” oder “Oh Captain! My Captain”, die sich Schulter an Schulter auf den langen Seiten tummeln. Weniger wäre auch bei den epischen Vergleichen und literarischen Bildern, bei denen sich die Autorin merkbar clever fühlt und die doch nur die Unfähigkeit zur pointierten Beschreibung markieren, mehr gewesen. Trotz alledem: Dieser Unmenge an schon gedachten Gedanken, die Pessl hier zusammengetragen und durchaus schön verbunden hat, gebührt Respekt.
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