
Kerstin Grether
Zungenkuss
26.03.2007, 06:00, Text:
linus volkmann
Kommt dieser Tage das Gespräch auf die ewige Institution Spex, scheint neben dem unkaputtbaren Fame immer auch eine merkliche, fast freudlose Bürde für all die Spätberufenen mitzuschwingen. Sicher, leicht hatte es keine der Spex-Redaktionen – egal, welcher Generation der über 25-jährigen Geschichte sie angehörte. Aber in den 80ern und 90ern produzierte der linke Popmanifestmoloch wenigstens noch echte Popstars: akademische Pin-ups bis hin zu derben Styler- und KünstlerInnen. Zwei davon waren zweifellos Kerstin Grether und ihre Zwillingsschwester Sandra. Wir auf dem Dorf rieben uns die dicken Äuglein nach ihnen, schickten Kerstin regelmäßig unsere bemühten Dorf-Fanzines – die sie zu Recht nie besprach. Das schmälerte unsere Affenliebe zu den coolen Grethers natürlich kein Stück. Im Gegenteil. Schade, dass es zu dieser Zeit das Phänomen Stalking noch nicht gab. Nun, Mitte der Neunziger emanzipierten sich beide dann von der Spex-Nummer und fuhren richtig auf. Kerstin schrieb an ihrem Roman “Zuckerbabys” und darin über den Glam und den Schmerz von Magersucht. Ab 2000 fand sie dann wieder Gefallen an Popjournalismus, schrieb – nun zu erheblichen Teilen auch für Intro – endlich wieder über It-Girls und -Boys wie Britney Spears, Peter Hein, Distelmeyer, Barbie, Courtney Love, Ally McBeal. Zudem entspann sich ihre Kolumne “Zungenkuss”, in der sie sich an abenteuerliche Begegnungen mit Stars in ihrer Jugendzeit unter Love-bis-Sex-Voraussetzungen erinnerte. Da setzt sich Dee Dee Ramone zu ihr aufs weiße Ledersofa, und man erfährt in dieser kurzen Szene der skurrilen Begegnung was über ihn, die Ramones und Rock’n’Roll, was man zur Abwechslung eben noch nicht wusste.
Die vorliegende Story-Sammlung umfasst – akribisch upgedatet und aufbereitet – Kerstins popjournalistische Arbeit von der frühen Phase bis heute und bringt auch noch die gesammelten Zungenküsse. Und zeichnet so ein buntes, aber auch konkretes Bild der jüngsten Epochen von Pop und Wahn. Den Trigger dabei hat man schnell raus: Ihre fühlbare Leidenschaft pusht Stil und Inhalte jedes Textes und erzeugt so gleichermaßen Rausch und Klarheit. Nach jedem Text ist man schlauer und fühlt sich angefeuert. Die distanzlose Art macht sich nie was vor, ist immer auch spöttisch, gern mal ironisch – aber es gibt dennoch keinen einzigen Moment, in dem man zweifeln müsste, ob diese Autorin das alles ernst nimmt. Sie tut es. Das alles: Pop, Sex, Feminismus, Schokolade, Hunger, Politik. Wo wird das denn bitte sonst noch zusammengedacht?
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