Gilbert & George

Duftmarken im Wohnzimmer der Monarchie

26.03.2007, 06:00, Text: Martin Büsser

Ob man einen der beiden überhaupt auf der Straße erkennen würde, wenn er alleine auftritt? Zu Ikonen sind Gilbert & George nämlich ausschließlich als Duo geworden. Seit den Sechzigern inszenieren sie sich als Paar, genauer gesagt als lebende Skulpturen in allen nur erdenklichen Lebenslagen, die man auch von stinknormalen heterosexuellen Beziehungen her kennt: gemeinsame Spaziergänge, gemeinsames Teetrinken, Hausarbeit. Ihr Markenzeichen: die stets in adretter Kleidung daherkommende Britishness, eine distinguiert steife Einhaltung der Form, die so gar nicht zu den Grenzüberschreitungen passen will, die das Duo in seinen Fotos und Aktionen vollzieht. Legendär wurde beispielsweise eine auf Video festgehaltene Aktion, in der sich Gilbert & George am spießig gedeckten Tisch gegenübersitzen und in rasender Geschwindigkeit betrinken, während sie gleichzeitig versuchen, die Folgen ihres Besoffenwerdens zu unterdrücken. Ihren ganzen grotesken Humor ziehen die beiden wie Finanzberater auftretenden Herren daraus, dass sie Etikette, Anpassung und Norm stets auflaufen lassen: “George, die Scheiße” und “Gilbert, die Fotze” hatten sie sich auf zwei Bildern von 1970 selbst bezeichnet, was seinerzeit im Zusammenhang mit den tadellosen Maßanzügen durchaus noch für Zündstoff sorgte.



Die Briten, scheint es, haben sich mit ihrem berühmtesten schwulen Künstlerpaar seit Benjamin Britten und Peter Pears längst versöhnt. Immerhin zeigt Londons Tate Modern nun eine große Retrospektive mit mehr als 200 Arbeiten, die Presse kürt das Duo derweil zu den Pionieren einer britischen Provokations-Kunst, die mit Damien Hirst und der ebenso legendären wie umstrittenen “Sensation”-Ausstellung finanziell rentable Duftmarken auf dem Kunstmarkt hinterließ.
Begonnen hatte alles, als der aus Südtirol stammende Gilbert Proesch seinen Kollegen George Passmore 1967 auf einem Bildhauerlehrgang in London kennenlernte. Im Zuge von Happening und Performance Art entschlossen sich die beiden, selbst als lebende Skulpturen aufzutreten. Ihre großformatigen Fotos voller schick stilisierter Scheißhaufen mögen heute ein wenig abgelutscht wirken. Das doppelbödige Spiel mit schwuler Identität bzw. Identitäts-Verweigerung zwischen Überaffirmation und Entgrenzung ist vorm Hintergrund aktueller queerer Diskurse jedoch alles andere als ein Relikt der bunten Postmoderne.



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aus Intro #148 (April 2007)
 
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