Silke Scheuermann

Die Stunde zwischen Hund und Wolf

[Schöffling, 173 S., EUR 17,90]

28.02.2007, 11:36, Text: Sonja Eismann

Über Silke Scheuermann sagt man, sie habe gute Chancen, die neue Judith Hermann zu werden. Nach der Lektüre ihres ersten Romans, der dem an vielen Orten äußerst freundlich besprochenen Erzählband “Reiche Mädchen” folgt, kann man sich das gut vorstellen. Der Text über zwei Schwestern zwischen Konkurrenzkampf und Zuneigung liest sich geschmeidig und gerade so poetisch, dass sich alle angenehm angerührt fühlen, aber niemand überfordert. Die Ich-Erzählerin, eine junge, gerade aus ihrem Leben in Rom nach Frankfurt zurückgekehrte Journalistin, trifft im Schwimmbad unerwartet, aber nicht überraschend ihre ältere Schwester Ines. Diese ist eine erfolgreiche Malerin, die es mit ihrer flirtigen Kapriziösität und Schönheit schafft, ihre komplette Umwelt um den Finger zu wickeln. Die jüngere Schwester will sich von diesen aus ihrer Kindheit altbekannten Mustern befreien, wird aber zwangsläufig wieder fester an Ines gebunden, da diese sich a) als derangierte Alkoholikerin entpuppt und b) ihr Freund, der Fotograf Kai, recht anziehend zu sein scheint.
So dreht sich die Geschichte um die verwandtschaftlichen sowie amourösen und freundschaftlichen Konstellationen (als weitere Nebenfiguren treten zwei liebessüchtige, intrigante Lesben auf) im Kreis, ohne in irgendeiner Form Notiz von der sozialen Umgebung zu nehmen. Dieser Rückzug ins Private, der alle über persönliche Befindlichkeiten hinausgehenden Verhältnisse ignoriert (gut, bis auf einen halbherzigen Absatz zu einer Reportage über amorphe “Sozialfälle”), ist in der jungen deutschen Literatur natürlich nichts Neues und meist ein solider Erfolgsgarant.
Dass aber das gewählte Setting aus erfolgreicher Redakteurin, erfolgreicher Malerin, erfolgreichem Fotografen und erfolgreicher Werbeagentur so kleinbürgerlich klischeehaft, leblos und unecht erscheint, als sei es aus einem mit güldener Patina überstrahlten ZDF-Hauptabendfilm entlehnt, ist schon sehr unglücklich. Doch es ist die Sprache und deren Rückgriff auf abgenutzte Wendungen, zu deren Nutzung vielleicht im Volkshochschulkurs “Kreatives Schreiben” ermuntert wird, die, besonders bei einer Autorin, die als Lyrikerin angefangen hat, völlig ratlos macht. Auf nur zwei Seiten findet sich ein Bouquet aus “weißen (Klinik-) Gängen”, “wissendem Lächeln”, einer alten Frau mit “gütigem Gesicht”, “buschigen Brauen”, die etwas “Dämonisches” ausstrahlen, und Frauen an der Bar mit “verlebten Gesichtern”. Wem das nicht den Rest gibt, soll das hier schlucken: Als die Ich-Erzählerin mit einem Mann Sex hat, wird dieser Vorgang als “uralter Ritus” beschrieben. Meine Güte.




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aus Intro #147 (März 2007)
 
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