Naomi Alderman

Ungehorsam

[Berlin Verlag, 240 S., EUR 19,90]

28.02.2007, 11:28, Text: Kerstin Cornils

Vergesst Woody Allen und seine exhibitionistischen “Schmalspurjuden”, die den lieben langen Tag in New Yorker Cafés abhängen und Schokoladenkuchen mit “Gelatine aus ausgekochten Schweineknochen” verputzen. Hendon ist anders. Der jüdisch-orthodoxe Stadtteil im Norden Londons ist eine koschere Insel im Meer der englischen Metropole. Hier geht man seit Generationen zum selben koscheren Bäcker, schwatzt mit denselben jüdischen Hausfrauen und zündet jeden Freitag in trüb angelaufenen Leuchtern die Sabbatkerzen an. Die Zeit steht still – obwohl sie, nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt, wie ein Pfeil in die Zukunft rast. In Hendon verstecken sich die orthodoxen Juden in immergleichen Häuschen und ziehen schüchtern die Köpfe ein.



Wenn Ronit Krushka an die Juden in Hendon denkt, könnte sie “schreien, toben und Tische umstürzen”. Längst hat sie rigoros mit ihrer “Superwahnsinnsspitzenreligion” abgerechnet, indem sie sich mit einem verheirateten Mann vergnügt, auf der Couch einer Therapeutin über das Unbewusste nachsinnt und ihre unkoscheren Brötchen als Business-Analystin verdient. Die 32-Jährige hat der klaustrophobischen Hendoner Synagoge den Rücken gekehrt und lebt nun als Single in New York unter Ketzern – unter Menschen, die das Milchige nicht vom Fleischigen trennen und trotzdem stolz auf ihre Jüdischkeit sind. Allerdings lässt sich eine orthodoxe Kindheit nicht abstreifen wie die Haut einer Schlange: Als der Rabbiner stirbt, muss seine Tochter Ronit nach Hendon, wo ihr Jugendfreund Dovid und seine schweigsame Frau Esti bereits auf sie warten. Alte Wunden und Begierden wirbeln auf – denn unterm Hortensienbusch war Esti einst Ronits Geliebte.
Die 1974 geborene Naomi Alderman hat ein Buch über einen Ort mit “klebrigen Fäden” geschrieben, glasklar und wunderbar unsentimental. Statt in Bausch und Bogen ihre Wurzeln von sich zu weisen, umkreist sie die Orthodoxie mit Witz und wütender Liebe. Dabei setzt die Debütantin auf Polyphonie: Neben der rebellischen Ronit lässt sie Esti, Dovid und eine rabbinische Stimme zu Wort kommen, die verkrustete Weisheiten umkrempelt und im Leben der Patriarchen Spuren des Ungehorsams und einer “amorphen Sexualität” entdeckt. Der mit goldenen Blättchen bestreute Buchumschlag strahlt in unschuldigstem Weiß. Zieht man ihn ab, kommt das grelle Rosa eines US-amerikanischen Bonbons zum Vorschein. Ebenso überraschend und sexy liest sich auch die Geschichte zwischen den Buchdeckeln.



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aus Intro #147 (März 2007)
 
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