
Andrea Levy
Eine englische Art von Glück
29.01.2007, 06:00, Text:
Dörte Miosga
London, 1948. Der Krieg ist vorbei und jeder versucht, in der zerstörten Stadt neu anzufangen. So auch Queenie, eine hübsche und gutmütige Weiße, deren Mann Bernard nicht aus dem Krieg zurückgekommen ist. Und auch Gilbert und Hortense, zwei Jamaikaner, die im englischen “Mutterland” ihr Glück suchen. Sie kommen bei Queenie unter, die dem farbigen Paar ein Zimmer vermietet. Doch von hier aus geht es in dem Roman von Andrea Levy erst mal in die Vergangenheit. Ausführlich erfahren wir die Lebensgeschichten der einzelnen Charaktere. Queenie ist als Metzgertochter aufgewachsen, bevor sie in dem Laden ihrer Tante Dorothy Bonbons verkaufen durfte. Dort lernt sie den vornehmen Bankangestellten Bernard kennen, der ihr bald darauf einen Antrag macht. Queenie findet den blassen Gentlemen zwar öde, aber als Tante Dorothy stirbt, kann nur die Ehe mit dem Langweiler sie vor den heimischen Schweinen retten. Hortense ist als Mädchen aus gutem Hause auf Jamaika aufgewachsen. Sie wird Englischlehrerin und liebt ihren Halbbruder Michael abgöttisch. Doch dann kommt der Krieg und sowohl Michael, der Jamaikaner Gilbert als auch Queenies Mann Bernard müssen an die Front. Während eines Aufenthalts in London lernt Michael – und da schließt sich der Kreis – Queenie kennen. Nach dem Krieg beginnen Gilbert und Hortense eine Zweckehe, um nach England reisen zu können. Es kommt zu einem fulminanten Finale in Queenies Haus, wo alle irgendwie zusammen finden. Andrea Levy versteht es grandios, die Geschichte der vier Protagonisten facettenreich und spannend zu erzählen. Doch eigentlich geht es hier um Rassismus, denn die Jamaikaner müssen auf der Insel Diskriminierung und Hass ertragen: Kinder, die “Mummy, es spricht!” rufen, wenn sie Gilbert sehen, sind nur ein Beispiel des täglichen Spießrutenlaufs. Zum Glück gibt es Ausnahmen wie Queenie, die die Wut der Nachbarn auf sich zieht, weil sie an Farbige wie Gilbert vermietet: “Ich will euch sagen, was Glück ist für einen Farbigen, der frisch vom Schiff in England eintrifft. Glück ist, wenn er Queenie Bligh findet. Wenn er sieht, dass sie ein großes Haus hat und sich freut, mich und noch einige Jungs als Mieter aufzunehmen – das ist Glück auf englische Art.” Es empfiehlt sich aber bestimmt, die Originalfassung zu lesen, da sich jamaikanisches Patois nicht ins Deutsche übersetzen lässt. Und auch Hortenses Shakespeare- oder Queenies Cockney-Englisch sind im Original sicher noch amüsanter.
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