
Fanzineshop Sticky
Fliegende Autos
29.01.2007, 06:00, Text:
Sonja Eismann
Um den Fanzineshop Sticky zu finden, muss man schon ziemlich an diesen kleinen Printerzeugnissen interessiert sein. Denn rund um die angegebene Adresse (Shop 10, Campbell Arcade, Degraves St.) drängelt sich in einem engen Gässchen hinter der Flinders Street Station zwar ein ansprechendes Wirrwarr aus kleinen trendigen Shops und Eateries, aber von Zines ist weit und breit nichts zu sehen. Bis ich kapiere: Ich muss eine Etage tiefer. In einer Passage der Unterführung des Bahnhofs klappt es, denn hier lenkt mich das winzige Schaufenster eines ebenso winzigen Lädchens zu einem Projekt, das weltweit wohl einzigartig ist: In Sticky werden seit April 2001 nichts als Fanzines zum Selbstkostenpreis angeboten. Und zwar in jeder Form, ob als klassisches kopiertes Din-A5-Format, als däumlingsgroßes Auseinander-Falt-Blatt, als Hörzine auf oldschooliger Kassette, als fast zwei Meter große Wandzeitung oder als ambitioniertes Kunstobjekt wie You, das wöchentlich (!) mit neuen Formaten und Materialien spielt und damit die haptische Dimension des Fanzines bis zum Exzess auslotet. Der Macher von You ist Luke Sinclair, gleichzeitig einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter von Sticky, denn eines wird schnell klar: Als Get-rich-quick-Scheme taugt der Handel mit den meist liebevoll in kleinster Stückzahl selbst gefertigten Mini-Medien nicht.
Sticky ist ein Teil der Plattform Artist Group, die von der Stadt Melbourne finanziert wird und in 15 kleinen Schaukästen in der angrenzenden U-Bahn-Station Kunstwerke ausstellt, die alle drei Wochen ausgewechselt werden. Die sieben Volunteers geben Zine-Workshops in Büchereien und Highschools, halten Vorträge und lassen Interessierte die Buttonmaschine, die gleich neben der Eingangstür steht, zum Selbstkostenpreis benutzen. Vor allem aber kümmern sie sich um die Bestückung des Ladens mit ständig wechselnden Fanzines, die zur Hälfte aus Australien und zur Hälfte aus dem Rest der (anglophonen) Welt kommen, mit einem Schwerpunkt auf den bekannt produktiven USA. “Wir haben einen Kern von hartgesottenen Zine-Fans, die wöchentlich hier aufkreuzen, und viele schüchterne Teenager, die erstaunliche Hefte abgeben, aber manchmal stolpern auch Leute, die zufällig hier vorbeikommen, mit einem kompletten entgeisterten Gesichtsausdruck in unseren Laden und scheinen sich zu fragen: ‘Was sollen diese dreckigen kleinen Dinger auf den Regalen?’ Wenn wir ihnen dann erklären, dass wir unabhängige Publikationen unterstützen, hellt sich irgendwann ihr Gesicht auf und sie fragen: ‘Könnte ich also auch was schreiben und einfach hier abliefern?’ Wenn sie diesen partizipativen DIY-Charakter von Zines verstehen, ist das immer das Schönste”, erklärt Luke. Ablehnen würden sie generell nichts, allein die pornografischen Cut-and-Paste-Collagen, die bei vielen halbstarken Melbourner Jungs so beliebt seien, müssen draußen bleiben. “Einmal haben sogar Nazis versucht, ein Zine hier reinzukriegen, denn in Australien gibt es natürlich auch Faschos”, erinnert sich Luke kopfschüttelnd. Und der vieldiskutierte Todesstoß des klassischen Zines durch das Internet? “97 und 98 habe ich wirklich daran geglaubt, weil alle davon redeten. Bis ich verstanden habe, dass ein Print-Zine und ein E-Zine etwas völlig Unterschiedliches sind. It’s like flying cars – it just didn’t happen.”
www.nerdsgonewildmagazine.com
(neues Gratis-Nerd-Zine)
www.isnotmagazine.org
(ausfaltbares Wand-Zine)
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