
Irmtraud Morgner
Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers & Erzählungen
[Verbrecher, 154 S., EUR 13 & Verbrecher, 166 S., EUR 13]
20.11.2006, 06:00, Text:
arno raffeiner
Sie ist eine der vielen vergessenen Figuren der Literaturgeschichte. Irmtraud Morgner ist vor gerade mal 16 Jahren gestorben, nur ein paar Monate, bevor das Land, in dem sie ihr gesamtes Leben verbracht hatte, die DDR, vollständig abgeschafft war – zumindest auf dem Papier. Und schon in dieser kurzen Zeit scheint sie mit diesem Land verschwunden zu sein. Der Verbrecher Verlag legt nun zwei Bände auf, um diesem spurlosen Vergessen entgegenzuwirken: die Wiederveröffentlichung des Romans “Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers”, erstmals 1972 beim Aufbau Verlag erschienen, und einen Band mit Erzählungen.
Die beiden Bücher stellen Morgners Literatur in ihrer idealtypischen Mischung von fantastischen Elementen, Humor und feministischer Gesellschaftskritik vor und in diesem speziellen Tonfall, der so eigensinnig wie amüsant zu lesen ist. Die offizielle Diktion von einer prinzipiell etablierten Gleichberechtigung in der DDR führt Morgner in ihren Erzählungen schon durch einfachste Kniffe als bloße Propaganda vor, etwa durch Umkehrungen, wenn z. B. eine “Frauenbrigade im Espresso” einen Mann als bloßes Objekt behandelt. Ihre Heldinnen sind selbst in ihrer Abwesenheit, da, wo ihnen der Männerverband kaum Platz lässt und Humor den kritischen Ton überwiegt, noch spürbar. So scheinen in “Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers” ein pensionierter Lokomotivführer, der mit seinen Lügengeschichten über Weltreisen wahrhaft Münchhausen’sche Ausmaße erreicht, und sein Zuhörer wie gefangen in einer fantastischen Jungs-Märchen-Spielzeug-Welt. Aber vielleicht lassen sich diese Fabeln auch als literarischer Gegenentwurf zur Wirklichkeit lesen: Ein klein wenig Fantasie kann die Welt schon besser machen.
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