Holm Friebe, Sascha Lobo

Wir nennen es Arbeit

[Heyne, 304 S., EUR 17,95]

29.11.2006, 16:00, Text: arno raffeiner
[5 Kommentare]

Sie nennen es die “digitale Boheme” oder: intelligentes Leben jenseits der Festanstellung. Holm Friebe und Sascha Lobo geht es um die Möglichkeit eines selbstbestimmten Daseins, das von neuen Technologien und Gesellschafts- zusammenhängen inspiriert und ermöglicht wird: von ökonomischen Kreisläufen, die sich um nur in digitaler Form existierende Produkte entwickeln, von Wertschöpfungsketten in Währungen wie Aufmerksamkeit und Respekt, WLAN-Cafés und der Blogosphäre – ein Lebensentwurf, in dem alles Arbeit und Selbstverwirklichung und Freizeit und das pure Glück ist. Die Autoren erheben in einem z. T. nach Autosuggestion, z. T. schon nach Propaganda klingenden Ton das, was sie und viele ihrer FreundInnen sowieso schon praktizieren, zur Ideologie: Wir machen, was wir wollen, und werden glücklich/berühmt/reich damit. Nach der Lektüre kann kein Zweifel mehr bestehen: Die digitale Boheme rettet die Welt(wirtschaft).


Hier ist nicht ausreichend Platz für eine fundierte Auseinandersetzung, zu vieles wird von den Autoren Theoriekaraoke-mäßig angetriggert, an Fakten zusammengetragen und an hippen Schlagworten gedroppt. Die Fülle an Material rund ums soziale und digitale Netz ist insgesamt durchaus beeindruckend, vieles ist haarscharf beobachtet. Ärgerlich wird es jedoch, wenn Friebe und Lobo das konstitutive Element der digitalen Boheme schlechthin nicht etwa als Vorbedingung ihrer Ideologie beschreiben, sondern erst in einer verschämten, quasi gezwungenermaßen im letzten Moment reingequetschten Randbemerkung auf S. 279 von 290 ansprechen: Bohemien wird nur, wer es sich leisten kann. So oft das auch bestritten wird: Es ist und es bleibt ein Luxusproblem, sich z. B. durch die Ablehnung eines festen Arbeitsverhältnisses Raum für Selbstverwirklichung oder Distinktionsgewinn verschaffen zu wollen.



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aus Intro #145 (1)
 
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  • Chipmonk 27.12.2006 | 08:02:20

    Es ist und es bleibt ein Luxusproblem, sich z. B. durch die Ablehnung eines festen Arbeitsverhältnisses Raum für Selbstverwirklichung oder Distinktionsgewinn verschaffen zu wollen.

    Das ist schön banalisiert. Bitte nennen Sie uns Probleme, die real, bodenständig und weniger luxuriös sind!

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