
Linus Volkmann
Anke
20.11.2006, 06:00, Text:
Leo Leowald
[2 Kommentare]
Ein Satz, der jedem denkenden Menschen den Angstschweiß ins Genick schickt: Heim in die Provinz! In seinem neuen Roman “Anke” macht Linus Volkmann ernst. Sein Protagonist Gärtner zieht von Berlin zurück zu den Eltern nach Hattersheim bei Frankfurt. Gärtners Kurzkarriere an der Popperipherie ist ohne eigenes Zutun gescheitert, und das Geld ist alle. Schnell wird ihm klar, wie widrig es ist, am Flurtelefon unter den skeptischen Blicken der Eltern an der eigenen Ich-AG zu frickeln. Und auch das mit dem Schönlügen entpuppt sich als unerwartet schwierig.
Achtung: Bücher von Linus Volkmann liest man mit flackerndem Blick, in der Gewissheit, vom spätestens übernächsten Satz vor Lachen unter den Bussitz gekegelt zu werden. Aber schon wieder Achtung: Im Vergleich zur lärmigen Comic-Komik seiner bisherigen Bücher ist “Anke” fast zurückhaltend. Man konnte das schon im Punkmärchen um King Cobra in Volkmanns letztem Buch “Heimweh To Hell” bemerken. Ohne Minderung der Kicherfrequenz ging es bereits dort einfühlender, ja, abendfüllender zu als dereinst in den Ränken um Superlupo und die Topnerds Robbe und Bürzel.
Und so weidet man sich durchaus angerührt an Gärtners ersten unsicheren Schritten auf längst glücklich verdrängt geglaubtem Boden. Alle, die nicht rechtzeitig weggezogen oder gestorben sind, sind noch da: die ältliche Gelbwurstverkäuferin im HL-Markt genauso wie sein alter Juz-Kumpel Juli, der zumindest ein klein wenig biergruselige Nestwärme verströmt.
Nostalgische Anwandlungen muss man dabei nicht fürchten. Der Roman ist keine weitere heimatbesoffene Zwischenstation auf der Bollerwagenreise von Schabbach nach Schlitz. Und auch der ganze “Star Wars”- und “Masters Of The Universe”-Kinderschatzquatsch wird gleich auf den ersten Seiten abgehakt.
Ins Trostlose platzt mit großem Knall Gärtners Jugendliebe Anke, damals beim Umzug von ihm sitzen gelassen. Unweigerlich denkt man beim ersten Treffen der beiden an James Camerons Opus “Titanic”, und wie das mit einigen eingestreuten Gags und einem besseren Kosten/Nutzen-Verhältnis hätte aussehen können. Zum Glück versinkt niemand im Meer, und so hat man fortan Gelegenheit, in behutsam geschilderten Momenten zu ertragen, wie der Alltag in die Liebe einzieht wie eine ungute Salbe. Provinz- wie szenetypisch verschränkt sich schnell Privates mit Beruflichem. Auf Partys, in WG-Küchen und am Ende gar in einem verschneiten Königreich setzen die Gebeutelten ihre Suche nach Sinn und Selbstachtung fort, lustig unterwandert vom Leben und von Popzitaten zwischen Adorno und Bonnie Tyler. Wird die junge Liebe dem Schicksal des Sailermoon-Anhängers aus Plastik entgehen, der in Ankes Hosentasche von der metallischen Wirklichkeit des Schlüsselbunds (Wohnung, Büro) gar zu rasch formlos geraspelt wird? Das geht uns alle an!
Treue Weihnachtsheimfahrer sollten sich “Anke” allerdings lieber neutral verpackt unter die Nordmanntanne legen.
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Quay Bro 02.12.2006 | 00:43:30
Das liest sich ja so traurig wie das Leben.




