
Ryu Murakami
In der Misosuppe
[Kiepenheuer & Witsch, 208 S., EUR 8,95]
20.11.2006, 06:00, Text:
Dörte Miosga
Wer Tokio bereist und nachts durch die hell erleuchteten Straßen von Shibuya oder Shinjuku läuft, wünscht sich den Ich-Erzähler dieses Romans: Er ist Nightlife-Guide. Kenji inseriert in einer Zeitschrift für Touristen, seine Kunden sind meist Amerikaner. So auch Frank, der den 20-jährigen Japaner gleich für drei Abende bucht. Schon am ersten Abend merkt Kenji, dass mit diesem Kunden irgendwas nicht stimmt. Mehrere Andeutungen und Äußerungen des Amerikaners lassen Kenji befürchten, dass der Tourist mit den Morden an einem Schulmädchen und an einem Obdachlosen in Zusammenhang stehen könnte. Seine Freundin Jun warnt ihn, am zweiten Abend wieder mit dem unheimlichen Ausländer auszugehen, aber Kenji ist gleichzeitig abgestoßen und fasziniert von dem gefühlskalten Fremden. In einer Dating-Bar im Rotlichtviertel Kabuki-cho zeigt Frank Kenji, wie grausam er wirklich ist. Würde das Buch verfilmt, wäre es eine japanische Mischung aus “From Dusk Till Dawn” und “Taxi Driver”. Unglaublich, wie die Erzählung plötzlich zum Splatter gerät. Doch der Roman ist mehr als ein Spannungsfeld zwischen Nachtleben und Gewalt. Die beiden Kulturen werden großzügig analysiert und kontrastiert: “Die Pluspunkte der Amerikaner sind – verallgemeinernd gesprochen – ihre Nettigkeit und ihre Arglosigkeit. Zu ihren Fehlern gehört es, dass sie sich keine Gesellschaft und keine Werte außerhalb ihrer eigenen vorstellen können.” – “Warum arbeiten die Leute in Japan bis zum Karoshi, dem Tod durch Überarbeitung, obwohl es eins der reichsten Länder der Welt ist? Bei Mädchen aus ärmeren Ländern in Asien versteht man das ja, aber warum gehen japanische Schülerinnen auf den Strich?” Und dann macht der Roman einen Ausflug in die menschliche Psyche: Was hat es mit Franks extrem negativer Energie, seiner extremen Bösartigkeit auf sich? Er tötet Menschen, die er für Abfall hält, Prostituierte oder Penner sind für ihn “Schädlinge für die Gesellschaft”. Wie wird man zum Mörder? Was für eine Gesellschaft ist das, in der Menschen töten, um auf sich aufmerksam zu machen, um ihr Selbst zu spüren? Schlussendlich wird auch noch der Vergleich zwischen einer Katze in einem Versuchskasten und unserer verwirrenden Realität gezogen: Die Katze lernt, auf eine Taste zu treten, um Futter zu bekommen. Dann ändert man die Funktion der Taste: Nun bekommt das arme Tier jedes Mal einen Stromschlag, wenn es darauftritt. “Kinder wachsen unter ähnlichen Bedingungen wie in diesem Katzenversuch auf. Das Verhalten der Umwelt, auch das der Eltern, ist niemals eindeutig. Besonders in Japan herrscht das reinste Durcheinander.” Wer Ryu Murakami noch nicht kennt, sollte sich diesen Namen merken. Seine Romane portraitieren präzise das heutige Japan und das dortige Großstadtleben. Nur wer Tokio bereist, sollte “In der Misosuppe” besser nicht lesen, um unbefangen und angstfrei durch die hellen Straßen zu laufen.
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