
David B.
Die heilige Krankheit. Geister
[Edition Moderne, 174 S., EUR 22]
20.11.2006, 06:00, Text:
Matthias Schneider
David B. erkennt seinen Bruder fast nicht wieder, als er ihm 1994 nachts im Bad der Eltern begegnet. Der Körper des zwei Jahre älteren Jean-Christophe ist übersät mit Schürfwunden und Narben, und aufgrund seiner zahlreichen Stürze fehlen ihm die Vorderzähne und Haare am Hinterkopf. Zudem verlangsamen die Medikamente seine Wahrnehmung und schwemmen den Körper auf. Der 40-jährige Jean-Christophe ist gezeichnet von seiner Krankheit, einer schweren Epilepsie. Diese Begegnung veranlasst David B., die Geschichte ihrer gemeinsamen Kindheit in einem Comic aufzuarbeiten, in deren Mittelpunkt die Krankheit seines Bruders steht. Es ist zunächst ein ungewöhnliches Thema für einen Comic, da dem Medium der Bildlichkeit immer noch das Klischee der kurzweiligen Unterhaltung anhaftet. Doch beim Lesen stellt man schnell fest, David B. könnte mit keinem anderen Medium auf eine solch bewegende Weise von der Krankheit seines Bruders berichten. In eindringlichen Bildern und auf berührend offene Weise schildert er die Erlebnisse und gespaltenen Gefühle seiner Kindheit, in der er ebenso Mitgefühl wie auch Hass gegenüber seinem Bruder empfindet. Denn von dem Moment an, als die Epilepsie bei Jean-Christophe auftritt, ist es die Krankheit, die fortan das Familienleben dominiert. Mit neun Jahren muss David B. erstmals mit ansehen, wie Jean-Christophe plötzlich die Augen verdreht, sich seine Glieder verkrampfen und er daraufhin das Bewusstsein verliert. Die Anfälle häufen sich, und die Eltern suchen Hilfe bei Ärzten. Es ist der Beginn einer nicht enden wollenden Odyssee, auf der sie zahlreiche Spezialisten konsultieren, die der Krankheit allesamt hilflos gegenüberstehen. Aus Verzweifelung wenden sich die Eltern daraufhin alternativen Heilmethoden zu. Die Irrfahrt geht weiter, bei der sie an fanatische Makrobiotiker und vermeintliche Zen-Wunderheiler, Magnetiseure und Hellseher geraten und sogar mit Hilfe von Spiritisten Kontakt mit dem Jenseits aufnehmen. In dieser Zeit beginnt David B., seinen Zorn über die Krankheit in eskapistischen Traum- und Bilderwelten auszuleben, in denen es von Geistern und Kriegshelden nur so wimmelt. Dschingis Khan und Attila der Hunnenkönig werden seine Wegbegleiter, und in riesigen Schlachtenbildern inszeniert er Blutbäder, die zum Schauplatz für seinen Kampf werden, gegen den unbekannten Beherrscher seines Bruders. Als vor zehn Jahren der französische Verlag L’Association David B.s ersten Band seiner Comicreihe veröffentlichte, überraschte die äußerst positive Resonanz der Feuilletons und Leser. Zudem ermutigte David B.s bewegende Geschichte zahlreiche Zeichner, autobiografische Comics zu produzieren. So auch Marjane Satrapi, deren “Persepolis”-Erfolg in Deutschland nun wiederum den Schweizer Verlag Edition Moderne bestärkte, David B.s großartiges Comicwerk endlich in deutscher Übersetzung und in zwei Bänden zu veröffentlichen.
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