Alex Pehlemann, Ronald Galenza (Hrsg.)

Magnetbanduntergrund DDR 1979-1990

[Verbrecher Verlag, 192 S., EUR 29,90]

23.10.2006, 06:00, Text: linus volkmann

Kein Blatt Papier, keinen Schluck Tinte habe man für sie. So lässt sich der damalige Vorsitzende der FDJ und der spätere Kurzzeit-Honnecker-Erbe Egon Krenz zitieren. Gemeint hat er seinerzeit, Ende der 70er, die Subszene der DDR-Literatur, die sogenannte Prenzlauer Berg Connection. Wer der romantischen Vorstellung erliegt, Gängelung und Repression schaffen große oder zumindest bewegte Kunst, der müsste bei den Rahmenbedingungen der auslaufenden DDR aufhorchen. Der von der SED ausgerufene “Bitterfelder Weg” hatte zuvor quasi ein Plansoll für staatstragende Gedichtproduktion aufgebracht. Und machte ernst mit Arbeiter-Lyrik. Von Arbeitern für Arbeiter. Hehres Ansinnen, ästhetische Niederungen. In der Agonie, die dem System zum Ende hin innewohnte, fanden sich aufregende und aufgeregte Schreiber, Musiker, Künstler halt zusammen und schufen ihre eigene Subkultur, ihren eigenen Punk, den sie nicht von London frei Haus geliefert bekamen. Die Connection war schwer unerlaubt, versteht sich. Zu diesem ja noch amtlich dissidenten “unerlaubt” addierte sich nach der Wende allerdings schnell die Zuschreibung “tragisch”. Einige der führenden Köpfe hatten sich von der Stasi anwerben lassen und neben Lyrik auch Bericht um Bericht geschrieben. Allen voran Sascha Anderson, der sich bis heute noch als whiny Opfer inszeniert, der aber Szene-intern nie mehr seine Umbenennung zu “Sascha Arschloch” wird rückgängig machen können. Doch das ist nur eine Geschichte, die aus dieser bis dato kaum aufbereiteten Zeit zu erzählen ist. Es gibt noch viele andere, hier in diesem Buch wurden sie von interessierten Wessis (Alfred Hilsberg in dem Kapitel “Mit ZickZack in der ‘Zone’: oder warum es nicht funktionieren konnte”) und natürlich vor allem von involvierten Ossis niedergeschrieben. Eine lebendige, facettenreiche Aufarbeitung. Ein bisschen die Ost-Version von “Verschwende deine Jugend”. Zu der auch eine Doppel-CD gehört. Spitze zum Illustrieren, wenngleich natürlich ziemlich drüber, ziemlich avantgarde, was außerhalb des historischen Kontexts Nerven rauben kann. Was zählt, ist aber, wie fühlig und erkenntnisfördernd diese Epoche an sich hier aufgefahren wurde.




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aus Intro #144 (November 2006)
 
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