
Thomas Hettche
Woraus wir gemacht sind
[Kiepenheuer & Witsch, 320 S., EUR 19,90]
23.10.2006, 06:00, Text:
Kerstin Cornils
Der US-amerikanische Künstler Donald Judd ist einer der Hauptvertreter der Minimal Art. Im texanischen Marfa hat er hundert Aluminiumobjekte installiert. Seine Skulpturen sind rätselhaft und kühl. Judd sieht sein Werk als “einfachen Ausdruck komplexen Denkens”.
Der 1964 geborene Thomas Hettche erweist dem Bildhauer seine Reverenz, indem er seinen neuen Roman “Woraus wir gemacht sind” in Marfa ansiedelt. Der deutsche Kulturbetrieb ist begeistert von so viel interdisziplinärer Offenheit: Nachdem der Autor mit der minimalistisch inspirierten Erzählung “One Hundred Aluminium Pieces” einen Sylt-Aufenthalt gewonnen hat, erklären nun zweiunddreißig LiteraturkritikerInnen “Woraus wir gemacht sind” zum besten Text des Septembers. Hettche ist ein Erfolgspilz, und seine Affinität zu Judd ist mit Händen zu greifen. Mit einem Schönheitsfehler jedoch: Der Autor verzerrt das Credo des Minimalisten spiegelbildlich. Hettches Schreiben ist ein überkomplexer Ausdruck zu einfachen Denkens.
“Woraus wir gemacht sind” ist ein Thriller, der niemals in Gang kommt. Die blondgelockte Liz wird in New York entführt, und nur ihr Freund Kalf kann sie retten. Doch der Biograf des jüdischen Physikers Meerkaz denkt gar nicht daran, den Entführern die gewünschten Informationen über sein Forschungsobjekt zukommen zu lassen. Um den Verbrechern ein Schnippchen zu schlagen, verlässt Kalf “die Hauptstadt der Welt” und mietet sich in Marfa ein, wo er große Kakteen bewundert. Während die Entführer ihm Fotos von der misshandelten Liz zuschicken, denkt Kalf im Bett der knochigen Asia über das römische Imperium nach. Formelhaft ist immer wieder von der “würgenden Sehnsucht” nach Liz die Rede, aber man wird den Eindruck nicht los, dem Helden sei es nicht um die Befreiung der Frau, sondern um die Befriedigung seiner “Beobachtungsgier” zu tun. Der Charakter, den Kalf gar nicht hat, wird von Zitaten und Zeitungsschnipseln überstrahlt: Hamlet, Bush, David Lynch, Ulrike Meinhof, Henry Fonda und “Die Kleinen Strolche”. Für die fehlende Spannung sollen philosophische Einsichten entschädigen, Erkenntnisse wie “Nichts als der Tod ist uns gewiss” und “Der Himmel ist leer”. Muss man dafür nach Amerika fahren?
Hettche ist um fiebrige Aktualität bemüht. Viel spricht für seine Idee, die kriminalistische Handlung in Bushs Amerika zu situieren, das für den zweiten Irakkrieg aggressiv Verbündete sucht. Doch Kalfs Überidentifizierung mit den USA führt zu peinlichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Obwohl Kalf das Grenzland zu Mexiko erkundet, verklärt er Bushs Amerika zur “Macht der Macht” und hat keinen Blick für die widerborstige Peripherie. Während die wortkargen Helden in den Thrillern einer Patricia Highsmith zunehmend den Boden unter den Füßen verlieren, hält Kalf seinen Mitmenschen Truthahn essend Vorträge. Der Versuch, sich am Minimalismus Judds zu messen, verheddert sich in Hettches Geschwätzigkeit.
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