John Haskell

Amerikanisches Fegefeuer

[Tropen Verlag, 263 S., EUR 19,80]

23.10.2006, 06:00, Text: Matthias Schneider

Sie ist weg. Als Jack aus dem Laden kommt, in dem er Süßigkeiten eingekauft hat, muss er feststellen, dass seine Frau Anne mitsamt dem Auto spurlos verschwunden ist. Entführt? Geflüchtet? Auf der Suche nach Anhaltspunkten findet er zu Hause eine Landkarte, in der eine Route quer durch die USA eingezeichnet ist. Jack kauft sich ein Auto, packt die nötigsten Sachen und macht sich auf den Weg, der ihn von den New Yorker Brownstones bis zu den Stränden Kaliforniens führt. John Haskell hat nach der erfolgreichen Kurzgeschichtensammlung “I Am Not Jackson Pollock” seinen fesselnden Debütroman abgeliefert. “Amerikanisches Fegefeuer” ist ein seltsam bewegendes Buch, das ein Plädoyer für die Liebe und eine Leidensstudie, ein Detektivroman und eine Road Novel zugleich ist. Und wie in jedem guten Detektivroman stößt auch Haskells Protagonist bei seinen Nachforschungen bis in die tiefsten Tiefen menschlicher Beweggründe vor. Um genau zu sein, sind es exakt sieben. Denn Jack wird in Anlehnung an Dantes “Göttliche Komödie” in sieben Kapiteln mit jeweils einer der sieben Todsünden konfrontiert. Das Purgatorio, das man auch als Fegefeuer bezeichnet, bildet den Rahmen für Jacks Roadtrip.


Der anfängliche Aktionismus, mit dem Jack seine Reise startet, weicht einer Anpassung an Widrigkeiten, und er beginnt, sich vom Leben treiben zu lassen. Zu Beginn ist es Jack, der Hitchhiker mitnimmt, und als sein Auto Schrott und sein Geld ausgegangen ist, steht er selbst am Straßenrand. Daraufhin verschenkt er seine wenigen Habseligkeiten, bis auf die Fotos von seiner Frau, die ihm schließlich gestohlen werden. Abgebrannt und ohne jeglichen Besitz strandet Jack in Kalifornien und fristet ein Dasein als Obdachloser. Jacks Roadtrip ist eine Flucht, eine Flucht vor der Wahrheit. Denn Jack ist schwer traumatisiert. Durch den Tunnelblick des Ich-Erzählers ist der Leser an Jacks verschobene Realitätswahrnehmung gefesselt, da es keine korrigierende Gegendarstellung gibt. Erst im Verlauf der Story beginnt man zu ahnen, dass die Probleme bei Jack selbst liegen, obzwar er den Leser gleich zu Anfang darauf aufmerksam macht, als er sagt: “Alles geschah, nur sah ich es nicht.” Zu sehr fühlt man sich mit Jack verbunden, wenn er seiner verlorenen Liebe und seinem Partner nachtrauert oder alles in Frage stellt: “Ich bin nicht mehr überzeugt davon, dass ich nicht die ganze Zeit allein gewesen bin, während ich mit Anne zusammen war.”

Amerikanisches Fegefeuer” ist brillant geschrieben, und es ist fast unmöglich, den Inhalt des Romans in einer Rezension zusammenzufassen, ohne den Plot offenzulegen und dadurch die Dynamik der sich beständig entwirrenden Struktur vorwegzunehmen. Darüber hinaus ist John Haskell mit seiner Darstellung der Verschiebung von objektiver und subjektiver Wahrnehmung ein großartiges Werk über die existenzielle Entfremdung gelungen.



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aus Intro #144 (November 2006)
 
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