Kiran Desai

Erbin des verlorenen Landes

[Berlin Verlag, 400 S., EUR 19,90]

23.10.2006, 06:00, Text: Kerstin Cornils

Ob man die Süddeutsche Zeitung oder die Financial Times aufschlägt: Überall glitzert das neue New York. Fünf Jahre nach dem 11. September 2001 werden an den Kratern von Ground Zero zwar noch berührende Reden gehalten, aber für die meisten US-Amerikaner scheint die Zeit der lähmenden Trauer abgeschlossen. Stolz werden Stararchitekten an den Hudson gelockt, denn die Skyline soll triumphaler erstrahlen denn je. Junge Schriftsteller wie Gary Shteyngart und Jonathan Safran Foer basteln am Bild eines Phönix’, der sich imposant aus der Asche schwingt. Sogar der notorische Nörgler Oliver Stone erzählt in “WTC” eine patriotische Geschichte mit Happy End.


In Kiran Desais neuem Buch ist alles anders. Der Schwerpunkt ihres für den Man Booker Prize nominierten Romans “Erbin des verlorenen Landes” liegt in Indien, am Ende unserer Welt. An den Rändern des Textes steigt die 1971 geborene Autorin in New Yorker Keller hinab, doch findet sie keinen Glanz vor, sondern Sweat-Shops und Ratten. Einer von Desais indischstämmigen Helden ist der Migrant Biju, der sich ohne Greencard in Harlem durchschlägt. Als er mit einem “Born in the USA”-T-Shirt im Gepäck nach Indien zurückkehrt, ist seine Bilanz mager: “Er kannte weder den Namen des amerikanischen Präsidenten noch den des Flusses, an dessen Ufern er herumgelungert hatte.”

Zunächst schreibt die Tochter der Autorin Anita Desai eine Liebesgeschichte, doch schon bald lässt sie ihren Blick frei umherschweifen: von der anglophil erzogenen Sai zum verbitterten Großvater, vom subalternen Koch zu den lebenslustigen Blaustrümpfen Noni und Lola. Die nepalesischen Kindersoldaten, die in den 1980er-Jahren für ein unabhängiges Gorkhaland kämpften, rücken ebenso ins Licht wie die zwangsverheiratete Nimi, die, ihrem Mann unbequem, am eigenen Herd Feuer fängt. Um den komplexen Verästelungen der Generationen gerecht zu werden, erzählt Desai abschweifend, langsam und liebevoll. Stromlinienförmigen Modernisierungstheorien westlicher Prägung misstraut sie. Angesichts 13 nepalesischer Jungen lautet der Erzählkommentar: “So ging es in der Weltgeschichte voran, ... in unvermittelten Sprüngen nach vorwärts und rückwärts zugleich sog sie die Jüngeren in den Strudel eines alten Hasses.” Geschichte ist kein Fortschrittsmärchen, sondern sprunghaft wie ein Ziegenbock.

Desai, die in New York und London lebende Migrantin, schreibt nicht, wie der Westen es von Indien erwartet. Sie hält sich von einer zuckrigen Variante des magischen Realismus fern, die Armut in Exotismus verwandelt und Differenzen zwischen Klassen, Ethnien und den Geschlechtern verniedlicht. Desai erzählt von “unerleuchteten” Menschen, “die für etwas stritten, woran sie nur halb oder überhaupt nicht glaubten”. Und ab und zu nimmt sie sich Zeit für den Mond am Kangchenjunga, “der durch die Lüfte segelte wie eines Alchemisten Traum von einem leuchtenden Käse”. Und für Schmetterlinge.



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aus Intro #144 (November 2006)
 
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