
Helmut Krausser
Eros
23.10.2006, 06:00, Text:
Sascha Seiler
Helmut Krausser, der wohl beste Schriftsteller seiner Generation hierzulande, hat einen neuen Roman geschrieben, der sich zwar “Eros” nennt, jedoch vielmehr eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist. Eine Geschichte um Hoffnung, Enttäuschung und Verlangen, die als Nachfolgewerk des neoromantischen, 1996 erschienenen Romans “Thanatos” gelesen werden kann.
Herr Krausser, wird die Macht des Wortes in unseren Zeiten unterschätzt?
Absolut. Aber auch Worte sind nicht ewig haltbar. Vieles muss man alle paar Jahrzehnte lang neu erzählen, mit dem rechten Update an Erkenntnis und Sprachschatz.
Sie sind als Romancier, Lyriker und Theaterautor bekannt. Welche Form schätzen Sie, als Autor und als Leser, am meisten?
Robert Gernhardt hat mich mit der Herausgabe seiner 100 besten Gedichte betraut. Leider sieht es im Moment so aus, als wolle Suhrkamp den Band gegen den letzten Willen Gernhardts doch nicht machen. Aber der Ritterschlag ist für mich entscheidend. Als Romancier-Konkurrent gibt es inzwischen u. a. Daniel Kehlmann, einen der allerbesten Autoren überhaupt. Als Lyriker sehe ich hierzulande keine Konkurrenz, wenn ich ganz ehrlich bin.
Wie stehen Sie mittlerweile dazu, dass Ihr Bild als Literat in der Öffentlichkeit doch leider sehr verzerrt ist? Es ist ja schon eine nahe liegende Vermutung, dass Sie viel mehr gelesen würden, wenn Kritiker Ihr Werk mehr zu schätzen wüssten.
Och, der schlechte Geschmack macht dem besseren Platz. Bei den jüngeren Kritikern habe ich schon einen ganz guten Stand und bei etlichen älteren auch. Es gibt eben ein paar sehr mächtige Feinde, die erst wegsterben müssen. Das sind alte Feindschaften, die oft mit Literatur gar nichts zu tun haben.
Sie hatten ja “Eros” ursprünglich als Nachfolgebuch zu “Thanatos” geplant, was nachvollziehbar gewesen wäre. Wieso kam es nicht dazu?
Versucht hab ich’s ja. Die erste Fassung bestand aus 300 Seiten, die die Zeit von November 1943 bis April 1945 beschrieb. Sie können es hochrechnen: Bei diesem Tempo hätte ich etwa 2800 Seiten gebraucht. So was wollte ich nicht auf die Welt loslassen. Also hab ich das Buch erst mal weggelegt, die erste Fassung vernichtet und gedacht: Als Roman geht das nicht. Vielleicht als Film. Also wurde ein Drehbuch für Tom Tykwer draus. Der meinte allerdings, der Film würde trotzdem noch fünf Stunden dauern und 50 Millionen kosten. Er hat sich dann fürs “Parfüm” entschieden. Aber ich hatte plötzlich eine Idee, wie man den Stoff vielleicht doch auf 500 Seiten bändigen kann. In Gesprächsform. Der Ghostwriter war auch nötig, um die Dreiermenage Alexander – Sofie – Lukian so zu erhellen, dass dennoch etwas im Dunkeln bleibt. Am Ende hab ich es in 320 Seiten geschafft, die ganze Geschichte zu erzählen, worauf ich sehr stolz bin.
“Eros” kann ja als ein Roman über die Geschichte der Bundesrepublik gelesen werden. Wie intensiv haben Sie sich mit den verschiedenen Arten von Darstellung, Sprache, kurz den ästhetischen Eigenheiten der Zeit (Nachkrieg – 60er-Jahre – RAF-Zeit) auseinandergesetzt? Wie stark, glauben Sie, kann man mit einer zu einer bestimmten Zeit gehörenden Sprache Zeitgeschichte wiederbeleben?
Die Sprache nähert sich dem erzählten Jahrzehnt an, ohne sich etwa anzubiedern. Der Leser hat da eine feine Nase, es genügen pro 50 Seiten drei signifikante Begriffe, um die sprachliche Aura einer Dekade einzufangen. Und die Grammatik und Semantik muss man leicht angleichen. Millimeterarbeit.
Wie würden Sie das Verlangen des Protagonisten Alexander einordnen? Impliziert der Eros auch immer das Unerreichbare?
Ich war selbst mit 16 erfolglos in ein Mädchen verliebt, das ich noch mit 34 rumkriegen wollte, immer noch erfolglos. Danach verflüchtigte sich die Obsession, und ich konnte darüber schreiben. Obsession ist wohl etwas zwischen Verlangen und Liebe, das sich selbständig gemacht hat und eine Art abstraktes Eigenleben führt. Nie nachvollziehbar. Deswegen habe ich Sofie auch absichtlich nicht allzu liebenswert gestaltet.
Wie sind die Figuren Alexander und Johanser (aus “Thanatos”) vergleichbar?
Vielleicht, weil sie beide es nicht schaffen, von der Vergangenheit zu lassen und frei in die Zukunft zu gehen. “Eros” und “Thanatos” bilden mit “Melodien” (ursprünglich: Mythos – die Verformung des Gewesenen) und “UC” (ursprünglich: Chronos – die Zeitlichkeit in allen Spielarten) eine Tetralogie, die die wichtigsten Begriffe für jedes menschliche Individuum abdecken sollte. Gut, dass ich “Eros” zuletzt schrieb.
Wieso haben Sie gerade in “Eros” auf die Beschreibung von Sexualität verzichtet?
Weil es ums Ficken nicht geht. Das habe ich in anderen Büchern abgehandelt. Ich kann inzwischen aus einer Position der relativen Reife das Phänomen Eros viel präziser und verständnisvoller beurteilen. Wobei Eros natürlich nur ein gigantischer Überbegriff ist für Millionen Facetten all dessen, was letztlich wohl einzig dem Geschlechtstrieb entstammt.
Ist “Eros” letztendlich nicht auch eine Poetologie? Eine Abhandlung über die Macht des Erzählens?
Vielleicht, aber nicht bewusst angelegt. Es ist in der Hauptsache ein Roman über die Illusion der reinen Selbstbestimmung der Existenz. Sofie glaubt keinen Moment ihres Lebens daran, nicht autark zu handeln.
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