Gary Shteyngart

Snack Daddys abenteuerliche Reise

[Berlin Verlag, 384 S., EUR 16,90]

18.09.2006, 15:43, Text: Kerstin Cornils, Kerstin Cornils

Shteyngarts Held Mischa Vainberg ist nicht gerade George Clooney, meckert ein enttäuschter Leser im Internet. In der Tat ist der Sohn des 1.238streichsten Mannes in Russland kein smarter Gutausseher, dem ein wohltemperiertes linkes Bewusstsein wie eine reinweiße Nelke im Knopfloch steckt. Vielmehr bewirft der “unheilbare Fettsack” aus Sankt Petersburg seinen Diener mit Schuhen und betrügt die Freundin aus der Bronx mit seiner verwitweten Stiefmutter. Der jüdischstämmige Migrant verachtet seine Heimatstadt als “Dritte-Welt-Metropole”, ekelt sich vor schläfenlockigen Chassiden und hält das Volk der Deutschen für überschätzt: “Es gibt 80 Millionen davon, und sie sehen alle ziemlich gleich aus.” Die Welt zahlt Mischa seinen Zynismus heim: Der Mann mit dem brennenden Heimweh nach New York darf in seine Wahlheimat nicht mehr einreisen, muss in Russland um einen belgischen Pass betteln und verirrt sich, schlimmer noch, nach Absurdistan.

Das finstere Land bündelt die Mängel sämtlicher post-sowjetischer Republiken unter einem Brennglas – grotesk überzeichnet wie das von einem australischen Autorenkollektiv erdachte Molwanien und Comic-haft wie das von Tim und Struppi bereiste Syldavien. Während Shteyngarts zum Wunderkind ausgerufener Dichterkollege Jonathan Safran Foer Komik und Tragik fein ausbalanciert, suhlt sich der Autor von “Snack Daddys abenteuerlicher Reise” in Übertreibungen. Shteyngarts Humor ist so schrill, dass man die klugen Einsichten in Multikulturalismus, jüdische Identität und den wilden Osten fast überlesen könnte. Ein derber Rohkostsalat aus erlesenen Zutaten.



Artikel kommentieren
aus Intro #143 (Oktober 2006)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]