Dietrich Kuhlbrodt

Deutsches Filmwunder – Nazis immer besser

[Konkret Literatur Verlag, 199 S., EUR 15]

18.09.2006, 06:00, Text: Sarah Diehl, Sarah Diehl

Dietrich Kuhlbrodt, der neben seiner Tätigkeit als Filmkritiker und Schauspieler (u. a. als Nazi in Schlingensief-Produktionen), selbst als Staatsanwalt 20 Jahre lang Nazis verfolgt hat, verbindet in diesem Buch seine Leidenschaften und seine Professionalität sinnvoll zu einer Gesamtbeurteilung der Entwicklungen der medialen Aufarbeitung des Nazithemas im deutschen Film nach 1945.

Angefangen in den 50er-Jahren, wo besonders böse Nazis als Einzelfälle inszeniert wurden, um die Mehrheit der Deutschen unschuldig zeichnen zu können, zeichnet Kuhlbrodt chronologisch die Versuche der deutschen medialen Wiedergutmachung nach. Schmankerln wie die deutschen Zensur-Verwirrungen, als aus dem Filmklassiker “Casablanca” in der deutschen Fassung 20 Minuten geschnitten und dieser so umsynchronisiert wurde, dass alle Nazis spurlos verschwanden, um dem deutschen Publikum nicht allzu sehr ans Bein zu pinkeln, finden dort auch ihren ihnen gebührenden Platz.


Während Joachim Fest in den 70er-Jahren einen neuen Führerkult entfachte, indem er alle Verantwortung in Hitlers Hände legte und die des deutschen Volkes damit reinwusch und gleichzeitig Hitlers “faszinierende” Persönlichkeit herausstellte, löste Syberberg mit seinem siebenstündigen “Hitler – ein Film aus Deutschland” bei dessen Erscheinen 1977 Debatten über das Zensieren deutscher Befindlichkeiten aus. Syberberg wollte dem “Grundprinzip der deutschen Kultur”, dem Irrationalismus, filmisch Achtung zollen. Die Gefahr der Verführung des Faschismus zeigte er mit einem affirmativen Blick, dem jeder erliegen konnte und wo der Nazitaumel mit der “Schmach” des Versailler Vertrags und der “Unterjochung” der Deutschen von den Westmächten gerechtfertigt wurde. Nur, wo will die deutsche Befindlichkeit hin, wenn man die Konsequenzen dieses fieberhaften Irrationalismus’, also die daraus folgenden Konzentrationslager und Massenerschießungsgräben, nicht thematisiert, in einer Zeit, als die “Auschwitzlüge” noch recht prominent war? Wie dürftig der Ansatz Syberbergs war, wird in der Gegenüberstellung mit Klaus Theweleit deutlich: Dieser verfolgt den Ansatz, dass man den Faschismus in all seinen Facetten verstehen muss, wen man ihn vernichten will. Syberberg hingegen vernichtet nicht, sondern huldigt der deutschen Seelennot.

Den kreativen Bruch macht Kuhlbrodt Anfang der 80er aus, als Die Tödliche Doris, Schlingensief oder Buttgereit sich das Hitlerthema aneigneten, wo es nicht mehr um in Schuld und Reue gekleidete Faszination ging, sondern um schadenfrohe Geschmacklosigkeit dem deutschen Volke gegenüber, da sie die Nazis als widerlich und dumm darstellten, wie sie eben waren. Neuere Entwicklungen im deutschen Film machen die sensationalistische Vermarktung und eine menschelnde Neutralisierung des Hitlerthemas aus. Mit einem anderen herausragenden Kulturgut kann Deutschland nicht mehr auftrumpfen, mit Hitler will man nun den Oskar gewinnen.



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aus Intro #143 (Oktober 2006)
 
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