
Gisela Elsner
Das Berührungsverbot
[Verbrecher Verlag, 224 S., EUR 13]
18.09.2006, 06:00, Text:
Dörte Miosga
“Sexuelle Revolution” oder “freie Liebe” sind Schlagwörter einer Zeit, in der man moralische Grenzen und bürgerliche Enge überwinden wollte. Vor diesem Hintergrund erschien 1970 der Roman “Das Berührungsverbot” von Gisela Elsner, in diesem Monat vom Verbrecher Verlag neu herausgebracht. Bedrückend beschreibt Elsner das Familienleben der Familie Keitel: Der Sohn, selbst frisch verheiratet, tritt in die Fußstapfen seines Vaters und derselben Firma bei, in der auch der Vater jahrzehntelang tätig war. Langsam lernen die jungen Eheleute den Körper des anderen kennen, jeder Zentimeter bestimmter Stellen will mühevoll erkämpft werden. Frau Keitel selbst erinnert sich an ihre Kindheit, als sie und ihre Hand, mit der sie sich selbst berührte, bestraft wurden und sie hundertmal “ich habe mich nicht anzufassen” in ihr Grammatikbuch schreiben musste. Doch der Ehealltag nimmt seinen Lauf und mit ihm die Lust am Sex. An einem Abend bei befreundeten Paaren verlieren die Ehegespanne mit zunehmendem Alkoholkonsum die Kontrolle, und der Abend endet in ausschweifendem Gruppensex. Anfangs befremdet, gewöhnen sich diese Leute mit bürgerlichem Background an ihren Akt der Befreiung und verabreden sich nun jedes Wochenende in einer kinder- und großelternfreien Wohnung. Als sie noch einen Schritt weitergehen und ein professionelles Paar hinzubitten, eskaliert die Situation. Schnell wird eine Schuldige gefunden, die die Ausschweifungen angeblich angezettelt habe. Vom Freundeskreis und ihrem eigenen Mann verstoßen, verbringt die Beschuldigte die Abende lesend auf dem Sofa – bis die Ehemänner beschließen, ihr einen kleinen Besuch abzustatten ...
Drastisch schildert die Autorin den verlogenen Versuch dieser Paare, aus der Spießigkeit ihres Lebens auszubrechen – ein Gewaltakt, der wiederum in einem solchen endet. Die Kritik an den Errungenschaften der so genannten 68er-Generation ist unübersehbar. Ergebnis ist ein Beziehungselend und eine Doppelmoral, die den vorangegangenen Missständen in nichts nachstehen. Die angebliche sexuelle Revolution hat für die meisten Frauen kaum Veränderungen gebracht. In den Eheritualen sind sie gefangen wie eh und je: “Dittchen, der gehen wollte, meinte, dass das Fremdgehen beiderseits – ein Mann, rief er, kann sich mitunter mal vergessen – ihre Ehe zerrütte. Wenn du dich dazu hergibst, drohte Dittchen seiner Frau, bist du mir keinen Pfennig wert.” Brutal schildert Elsner auch den gefühlskalten Geschlechtsakt der Keitels: “Was, schon fertig, sagte sie nach dem Frottiertuch greifend, fein.” Die Autorin stand ihr Leben lang selbst im Zwiespalt zwischen bürgerlicher Herkunft und Opposition gegen alles Bürgerliche. Sie war Anhängerin des DDR-Sozialismus und Mitglied der DKP. 1992 nahm sie sich – als Konsequenz aus persönlichen Problemen und politischer Perspektivlosigkeit – das Leben. Ihr Sohn Oskar Roehler huldigte ihr im Jahr 2000 mit dem Film “Die Unberührbare”.
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