
Südtiroler Verlage
Jenseits der Schützenvereine
18.09.2006, 06:00, Text:
Sonja Eismann, Foto: Arno Raffeiner
“Auf der Frankfurter Buchmesse kommen häufig Leute an unseren Stand, die durch die interessant gestalteten Cover unserer Bücher angelockt werden. Sobald wir uns als Südtiroler Verlag zu erkennen geben, heißt es dann meistens nur noch: ‘Oh, das ist ja toll! Ich war mal in diesem kleinen Tal in jenem winzigen Ort im Urlaub, kennen Sie vielleicht den Bürgermeister?’” Thomas Kager, der Pressesprecher des Bozner Raetia Verlages, sitzt in seinem engen Büro in der Nähe des Touristen-Hotspots Waltherplatz und erzählt diese Anekdote mit einer Mischung aus geduldigem Amüsement und ungeduldiger Genervtheit. Das Hauptproblem der Südtiroler Literatur hat er damit auch schon umrissen: dass sie stets im Ruch des Provinzialismus steht und keine Seite ihr die Chance geben möchte, dieses Klischee zu transzendieren – nicht die Südtirol-begeisterten Deutschen, die am liebsten nur ihr ländliches Urlaubsidyll gespiegelt sehen wollen (die unbegeisterten nehmen Südtirol zumeist auf der literarischen Landkarte schlicht nicht wahr), auch nicht die offiziellen KulturvertreterInnen, denen Traditionsverbundenheit zumeist näher steht als literarische Innovation.
Ludwig Paulmichl, einer der beiden Leiter des Folio Verlags, dessen mit transparenten Stellwänden und Beton so stylish wie luftig gestaltetes Büroloft in einem schmucklosen Gewerbehaus gegenüber vom Bozner Friedhof liegt (“Wir sitzen hier quasi auf einer riesigen Sammlung ganz neuer Kunst, die der Besitzer des Hauses, ein Steinhändler, im Stockwerk unter uns aufbewahrt”), stellt klar, dass sich der in Wien und Bozen ansässige Verlag deswegen von Beginn an bewusst als international deklariert habe. Auch auf gute Vertriebsstrukturen sowohl in Deutschland als auch in Italien hat man gleich Wert gelegt – ein Profil, an dem es den beiden anderen engagierten deutschsprachigen Südtiroler Verlagen, Raetia und Skarabaeus, stellenweise noch mangelt –, über das Alpenviereck Südtirol, Westösterreich, Bayern und Deutschschweiz kommen diese in der Rezeption aber manchmal nicht hinaus. Trotzdem sind die großen Verkaufsschlager des kunstsinnigen Folio Verlages, der den legendären Popfeminismus-Reader “Lips Tits Hits Power” herausgab und auch die renommierte Kunstdiskurs-Zeitschrift Springerin publiziert, dann doch die mit bewusst unmainstreamigem Blick gemachten Tirolensien wie “Landgasthöfe in Südtirol” oder “Ötzi, der Mann aus dem Eis”. “Ich glaube nicht, dass sich Südtirol bedeutend gewandelt hat in den letzten Jahren. Es ist eher umgekehrt wieder schick geworden, zu wandern und die Natur zu erkunden”, mutmaßt der für diese Reihe zuständige andere Verleger, Hermann Gummerer.
Wo der Folio Verlag, seinem internationalen Credo folgend, in seinem Literaturprogramm auf Romane aus dem ehemaligen Jugoslawien und Übersetzungen aus dem Italienischen und Englischen setzt, bemühen sich Raetia und Skarabaeus besonders um Texte “heimischer” Provenienz. Die Leiterin und einzige Mitarbeiterin des Nordtiroler Verlagskonglomerats um Skarabaeus, Haymon, Studienverlag und Löwenzahn, Eva Simeaner, die alleine in ihrer Südtiroler Zweigstelle in der Industriezone des Weinörtchens Frangart bei Bozen werkelt, hat sich die Nachwuchsförderung auf die Fahnen geschrieben: “Wir waren eigentlich die Ersten, die sich vor Ort um die jungen Talente gekümmert haben. Die anderen haben dann später nachgezogen.” So erschien bei Haymon kürzlich der dritte Roman des schon in der NZZ lobend besprochenen Bozners Martin Pichler, der in seinen Texten die Verstrickung von schwuler Identität und provinziell geprägten Familienstrukturen thematisiert, Katja Renzler veröffentlicht bei Skarabaeus ihre elliptische, typografisch elaborierte Lyrik, und vom in Berlin lebenden Dramatiker Toni Bernhart gibt es ebendort Theaterstücke und Hörspiele.
Der Raetia Verlag, der sich im Sachbuch-Bereich auf die vom übermächtig großen Athesia Verlag gerne “vergessene” Südtiroler Zeitgeschichte um Nazizeit, Faschismus und Bombenjahre spezialisiert hat, tut sich mit einer Vielzahl literarischer Veröffentlichungen mit regionalem Bezug hervor: zum einen mit der bereits im Aufmacher zitierten Anthologie “Grenzräume”, einer “literarischen Landkarte Südtirols” mit den relevantesten ProtagonistInnen (und einem der seltenen Blicke auf die italienischsprachige Szene), zum anderen mit vielen neuen Namen wie dem aktuellen “Shootingstar” Selma Mahlknecht, der man ihr junges Alter (* 1979) aber doch noch recht deutlich anliest, der in China lebenden und von dort berichtenden, noch jüngeren Anna Stecher (* 1980) oder dem an Popkultur interessierten Dramaturgen Peter Oberdörfer. Diese Publizierfreudigkeit, die bewusst auch die lokale Szene, die für eine Region mit nur 480.000 BewohnerInnen recht rege ist, stärken möchte, wird von manchen KollegInnen, die meinen, in Südtirol liege “nur sehr wenig in den Schubladen”, auch durchaus kritisch gesehen. Eines ist aber letztlich allen drei Verlagen sichtbar gemein: ihr unermüdliches Engagement für ein kulturelles Südtirol-Bild abseits von Schützenverein, Blaskapelle und Kasknödeln – obwohl die wirklich ausgesprochen schmackhaft sind.
www.folioverlag.com
www.raetia.com
www.skarabaeus.at
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