Chuck Palahniuk

Die Kolonie

[Manhattan, 480 S., EUR 19,95]

17.09.2006, 10:00, Text: Jasper Nicolaisen

Ich habe dieses Buch nicht zu Ende gelesen. So würde ich diese Rezension gerne beginnen, aber wo bliebe da die berufliche Integrität? Kompromiss: Ich tue erst mal so, als hätte ich das ganze Buch gelesen, schreibe die Rezension und lese dann den Rest, um zu gucken, ob ich Recht behalte. Das gibt auch eine schöne Korrespondenz zur Vorhersehbarkeit und formalen Aufgeblähtheit dieses Buches. Palahniuk ist der literarischen Schaumschlägerei nicht abhold, wie man weiß, seit die Verfilmung von “Fight Club” eine kleine Welle von Filmen lostrat, in denen der Protagonist sich selbst als Antagonist auf die Schliche kommt, und “Flight 2039” zum Glück keine Welle von Büchern lostrat, in denen die Seitenzahlen rückwärts laufen. Ein Händchen fürs Groteske und Krasse dazu, und der Mann ist das, was man einen Kultautor nennt.


So auch hier: Künstler lassen sich freiwillig in ein altes Theater einsperren, um in völliger Abschottung ihr Meisterwerk zu schaffen. Eingebettet in diesen Rahmen abwechselnd Gedichte (von und über besagte Künstler, wobei willkürliche Zeilensprünge und Kürze der Abschnitte den Gedichtcharakter ziemlich allein signalisieren) und Kurzgeschichten (ebenfalls von und über die anwesenden Künstler). Die Storys sind mit knallhart kalkuliertem Zynismus eine widerwärtiger als die andere aufgezäumt; jede dieser autobiografischen Miniaturen sattelt mit einem weiteren grotesken Unfall, noch einer sexuellen Gewalttat, noch einem demonstrativen Tabubruch auf. Das wäre nicht so schlimm, nichts gegen effektvolle, eklige Horrorgeschichten, wäre da nicht die Rahmenhandlung, die uns unterjubeln will, dass es hier auch irgendwie um Zivilisationskritik geht. Die Eingesperrten fantasieren zusehends über den kommenden Ruhm und beginnen, ihre Haftbedingungen von sich aus zu verschärfen, um später vor den Kameras eine bessere Geschichte anbieten zu können, und natürlich sollen wir in der schrittweisen Eskalation die Übereinstimmung mit den Kurzgeschichten erkennen, die eben auch immer krasser werden, um den Erzählenden die größtmögliche Aufmerksamkeit zu sichern. Das Ganze garniert mit ein paar Verweisen auf Poes Fabel vom roten Tod und die Shelley-Byron-Gruppe, die, durch schlechtes Wetter im Haus am Genfer See festgehalten, “Frankenstein” erfindet, und fertig ist die Reflexion über Öffentlichkeit und Privatraum, Mediengesellschaft und Oberfläche, wahre Gefühle und veröffentlichte. Diese gottweißwie doppelbödige Kritik kreist aber beständig um sich selbst, zielt auf nichts, erschöpft sich völlig im Willen zur Provokation und bringt es damit gerade mal zum pubertären Weltekel. Man müsste versuchen, das alles zu ignorieren und das Buch ausschließlich als Horrorschinken zu konsumieren, aber, argh, das ist so penetrant. Und jetzt auf in die zweite Hälfte. (Später:) Alles wie befürchtet. Experiment gelungen, Buch tot.



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aus Intro #142 (September 2006)
 
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