Marlene Streeruwitz

Entfernung

[S. Fischer, 475 S., EUR 19,90]

21.08.2006, 06:00, Text: Sonja Eismann, Sonja Eismann

“Eine törichte Person” habe Marlene Streeruwitz mit der Hauptfigur ihres neuen Romans schaffen wollen, erklärt die Wiener Autorin im 3sat-Interview. Als Leserin ist man froh, dass sie eine dergestalte Distanz zu ihrer Protagonistin Selma aufbaut, die in der für Streeruwitz so typischen und doch immer wieder neu gestalteten, mitreißenden Stakkato-Stream-of-Consciousness-Technik eine 24-stündige Irrfahrt durch Wien und London hinlegt, an deren Ende sie, fast nebensächlich, in die Londoner Terroranschläge des Juli 2005 gerät. Diesen Abstand wünscht man sich nicht, weil Selma, mit Ende 40 von ihrem Mann für eine andere verlassen und aus ihrem Prestige-reichen Job bei den Wiener Festwochen geschasst, wie fast alle weiblichen Streeruwitz-Figuren das geballte Unglück in sich vereint, das in seiner kalten Skizzierung und Ausweglosigkeit kaum auszuhalten ist. Denn auch wenn diese bohrenden Beobachtungen unangenehm und ermüdend scheinen, weiß man doch um den Verdienst, diese Lebensumstände einer von Kapitalismus und Patriarchat “zugerichteten” Frau immer wieder beim Namen zu nennen.


Nein, es ist die Art und Weise, wie die vom bourgeoisen Leben verwöhnte Heldin in ihrem brandneuen Unglück nur um die eigene Deklassierung kreist und, statt aus dem auch dank ihrer Profession immer vor sich hergetragenen progressiven Liberalismus heraus sich nun mit anderen Marginalisierten zu solidarisieren, reaktionäre Züge entwickelt: In London wehklagt Selma über den Umstand, “nur” in einem Drei-Sterne-Hotel logieren zu können, in dem zudem auch noch – oh Schreck! – das Bettlaken fadenscheinig ist und einen Blick auf die darunter liegende Gummimatte freigibt. Der edel gekleidete Schwarze, der ihr in der U-Bahn gegenüber sitzt, wird von ihr in Gedanken als “Assimilierter” beschimpft. Die Frau, die ihr den Mann weggeschnappt und ihm, nachdem er sich mit Selma bewusst für Kinderlosigkeit entschieden hatte, ein Baby beschert hat, taucht nur als “die Ungarin” oder einmal gar als “diese ungarische Hure” auf. “Und das war die Konkurrenz. Alle diese Ostfrauen. Die das ernst nahmen. Mit dem Frau-Sein”, denkt Selma, als sie sich in ihrem kleinen Hotelbadezimmer für ein Geschäftsessen – der letzte berufliche Strohhalm, an den sie sich noch klammert – fertig macht und sich dabei überlegt, wie es wohl “die geschickten Russinnen” schaffen, immer so adrett auszusehen.

Mit dieser unangenehmen Konsequenz des Sozialabstiegs, der Besinnung auf längst überwunden geglaubte gesellschaftliche Antagonismen, ist man aber bereits bei der hochaktuellen Kernaussage von “Entfernung” angelangt. Streeruwitz weist hiermit auf die Unmöglichkeit hin, in einem immer weiter privatisierten und auf Entertainment angelegten Kulturbetrieb, dem sich Selma ja nach wie vor zurechnet, über die eigene Existenz hinausweisende, kritische politische Aussagen zu treffen, wenn die prekären Lebensumstände die AkteurInnen doch nur auf die ständige Sorge um ihre ureigenste Existenz zurückwerfen.



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aus Intro #142 (September 2006)
 
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